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Regina Scheer

Gott wohnt im Wedding

Roman
Der neue Roman der Autorin von "Machandel"

Ein Haus. Ein Jahrhundert. So viele Lebensgeschichten.

Alle sind sie untereinander und schicksalhaft mit dem ehemals roten Wedding verbunden, diesem ärmlichen Stadtteil in Berlin. Mit dem heruntergekommenen Haus dort in der Utrechter Straße. Leo, der nach 70 Jahren aus Israel nach Deutschland zurückkehrt, obwohl er das eigentlich nie wollte. Seine Enkelin Nira, die Amir liebt, der in Berlin einen Falafel-Imbiss eröffnet hat. Laila, die gar nicht weiß, dass ihre Sinti-Familie hier einst gewohnt hat. Und schließlich die alte Gertrud, die Leo und seinen Freund Manfred 1944 in ihrem Versteck auf dem Dachboden entdeckt, aber nicht verraten hat. Regina Scheer, die großartige Erzählerin deutscher Geschichte, hat die Leben ihrer Protagonisten zu einem literarischen Epos verwoben voller Wahrhaftigkeit und menschlicher Wärme.

Das Buch spielt in Berlin, Deutschland

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Leserstimmen

Vom Nationalsozialismus bis zur Gentrifizierung: Geschichte(n) eines Berliner Hauses

Von: Buchfundbüro Datum: 11. Juni 2019

In ihrem zweiten Roman „Gott wohnt im Wedding“ erzählt Regina Scheer die Geschichte eines hundert Jahre alten Berliner Mietshauses. Dabei taucht sie tief in die Familiengeschichten seiner Bewohner ein – und wendet sich vor allem auch den verschiedenen Entortungs- und Vertreibungserfahrungen zu, die deren Biografien prägen.

Tragische Geschichten und bewegte Schicksale sind es, die sich seit der Grundsteinlegung im Jahr 1890 hinter den Mauern des Mehrfamilienhauses in der Utrechter Straße abgespielt haben. Um diesen auf den Grund zu gehen, zeichnet Scheer nicht nur die Lebensläufe verschiedener Mieter nach, sondern lässt auch das Haus selbst zu Wort kommen, das mehr als bloßer Schauplatz sein will: „Die meisten denken, ein Haus sei nichts als Stein und Mörtel, totes Material. Aber sie vergessen, dass in meinen Wänden der Atem von all denen hängt, die hier gewohnt haben.“
Einer von ihnen ist Leo Lehmann. Geboren und aufgewachsen im Wedding, hat er den Großteil seines Lebens in Israel verbracht, wohin er – dessen gesamte jüdische Familie von den Nationalsozialisten ermordet wurde – Ende der 1940er Jahre ausgewandert ist. Als er im Alter von 94 Jahren wegen einer Erbschaftsangelegenheit erstmals zurück in seine Geburtsstadt kehrt, ist dies für ihn vor allem auch eine Reise in eine traumatische Vergangenheit. Während er durch die Berliner Straßen streift, werden die dunklen Erinnerungen an eine Zeit voller Bedrohungen wieder lebendig: Die antisemitischen Anfeindungen, denen er hier ausgesetzt war, seine Verpflichtung zur Zwangsarbeit, die Deportation seiner Eltern und die darauf folgenden Monate, die er gemeinsam mit seinem Freund Manfred als sogenanntes ,U-Boot' im Untergrund verbrachte.
Das Haus im Wedding nimmt dabei in Leos Erinnerungen einen besonderen Platz ein: Hier fanden Leo und Manfred für einige Wochen Unterschlupf bei der gleichaltrigen Gertrud Romberg – bis Manfred schließlich in ihrer Wohnung von der Gestapo verhaftet wurde. Aber handelte es sich bei der hilfsbereiten jungen Frau wirklich um einen Nazi-Spitzel? Oder gibt es am Ende vielleicht mehr als die eine Wahrheit, die Leo zu kennen glaubt?

Als Leo Jahrzehnte später wieder vor eben jenem schicksalhaften Gebäude steht, ahnt er noch nicht, dass das Schicksal ihn und Gertrud ein zweites Mal zusammenführen wird. Tatsächlich hat die betagte Seniorin das Haus ihrer Kindheit nie verlassen und wohnt noch immer in den gleichen vier Wänden. Dass sie ihr gesamtes Leben an einem Ort verbracht hat, macht sie dabei unter den Mietern zu einer echten Ausnahmeerscheinung. Weit entfernt von einem sesshaften Leben sind es Flucht, Vertreibung und Migration, die die Biografien der restlichen Bewohner prägen, die überwiegend aus Osteuropa stammen und nun im Wedding – wenn auch unter zum Teil prekären Umständen – ein Dach über dem Kopf gefunden haben.

Zu ihnen zählt auch Laila Fiedler, eine Sintiza, die zu Beginn der 1990er Jahre gemeinsam mit der Mutter als sogenannte Spätaussiedlerin von Polen nach Berlin kam. Mit Deutschland ist Laila dabei seit je her auf ambivalente Weise verbunden: Auch ihre Großeltern haben einst hier gelebt, bis sie von den Nazis ins KZ Auschwitz deportiert wurden. Mit den Einblicken in Lailas weitverzweigte, von mehrfachen Gewalterfahrungen geprägte Familiengeschichte, wendet sich Scheer dabei einem von der Literatur bisher noch kaum bearbeitetem Thema zu: Über die sich kreuzenden Lebenswege von Leo und Laila stellt sie so eine Verbindung her zwischen den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus und der – in der Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Terror lange nur am Rande thematisierten –Verfolgung der Sinti und Roma im Dritten Reich. Ein ambitioniertes Anliegen, das allein bereits genug Stoff für einen vielschichtigen Roman geliefert hätte.

Doch damit nicht genug, versammelt „Gott wohnt im Wedding“ eine ganze Fülle weiterer Themen, die mit den Lebensgeschichten und alltäglichen Erfahrungen der Protagonisten verknüpft sind. So setzt sich der Roman mit Erinnerungskultur und öffentlichem Gedenken ebenso kritisch auseinander wie mit der Frage, wer in der Öffentlichkeit als legitimer Sprecher und Vertreter einer (Opfer-)Gruppe auftreten kann und darf. Er thematisiert die oft Jahrzehnte währenden Erbschaftsprozesse um enteigneten jüdischen Besitz und die Rückübertragung von Grundstücken, erzählt von traumatischen Erfahrungen und verdrängten Erinnerungen und jahrelangem Schweigen. Er widmet sich Generationenkonflikten in unterschiedlichen historischen Konstellationen, beschäftigt sich mit familiären Wurzeln und Wahlverwandtschaften. Er liefert Innenansichten aus dem Leben im Kibbuz und beschäftigt sich zugleich mit dem nachbarschaftlichen Miteinander in einem großstädtischen Mehrfamilienhaus und schließlich – wie könnte es in einem Berlin-Roman der Gegenwart anders sein – darf am Ende auch das Thema Gentrifizierung nicht fehlen. Das ist, so interessant und von aktueller Relevanz die einzelnen Aspekte auch sein mögen, viel für einen Roman – in diesem Fall vielleicht ein wenig zu viel.

Etwas inkonsistent erscheinen zudem auch die Figuren, von denen es im Roman ebenfalls reichlich gibt. Während der Roman hier einerseits mit den historisch erkenntnisreichen Passagen rund um Laila und Leo zu überzeugen weiß, präsentieren sich andere Charaktere – wie etwa die Gertrud-Figur, die ein wenig zu bemüht das Bild der netten alten Dame von nebenan bedient – zu eindimensional, um als wirklich glaubwürdig wahrgenommen zu werden. Dass zudem die finale Begegnung zwischen Gertrud und Leo, auf die die Handlung über weite Strecken zuläuft, am Ende inmitten der Vielzahl an Handlungssträngen geradezu untergeht, wirkt zumindest irritierend.

Aller inhaltlichen Überfrachtung zum Trotz, hat Scheer mit „Gott wohnt im Wedding“ dennoch insgesamt nicht nur ein durchaus anschauliches Panorama gegenwärtiger Lebenswelten und Konfliktlagen vorgelegt. Anerkennung verdient hier auch ihr Versuch, insbesondere mit dem Fokus auf die Geschichte(n) der in Deutschland lebenden Sinti und Roma eine Leerstelle in den literarischen Verhandlungen deutscher Vergangenheit und Gegenwart zu füllen.

Ein Wohnhaus im Wedding erzählt vom Leben der Bewohner über viele Jahrzehnte

Von: Ulistuttgart Datum: 23. Mai 2019

In dem Haus in der Utrechter Straße im Berliner Wedding lebt Gertrud seid ihrer Geburt im Jahr 1918.
Sie gewährte den jüdischen Nachbarjungen Leo und Manfred während des zweiten Weltkrieges Unterschlupf. Leo, der inzwischen in Israel lebt, kommt nach 70 Jahren zurück nach Deutschland um eine Erbsache zu klären.
Zwischenzeitlich leben außer Gertrud auch einige Sinti-Familien in dem Haus in der Utrechter Straße. Die Sinti erfuhren während des Krieges ein ähnliches Schicksal wie die jüdische Bevölkerung.
Die Autorin hat mich mit ihrer Recherchearbeit überzeugt. Mir war nicht bewusst, wie es den Sinti (ehemals Zigeuner genannt) damals (und heute) erging.
„Wir sind nun mal Roma, wir haben kein Land, es ist unser Schicksal, nirgends willkommen zu sein.“
„Aber Roma heißt Mensch, und Menschen sind wir alle.“
„Der Ausdruck … Sinti und Roma ist Unsinn … Sinti sind auch Roma. Man sagt doch auch nicht: Menschen und Frauen.“

Sie beschreibt auch, wie jüdische Bürger während des Krieges untergetaucht sind und sich versteckt haben (U-Boote genannt).
Sehr interessant fand ich auch die Beschreibungen aus Sicht des Hauses selbst. Das Haus erzählt u.a. von seiner hundertjährigen Geschichte und deren Bewohner. Tolle Idee und sehr informativ.
Auch die Ansicht von Leos jüdischer Enkelin Nira hat mir sehr imponiert. Sie will in Berlin bleiben und nicht mit ihrem Großvater zurück nach Israel. „… Israel … mit einer Regierung, die den Konflikt nicht mehr lösen will und sich Palästina Stück für Stück einverleibt. Ein Land, das sich ausdehnt in ein anderes, eine Demokratie, die ein anderes Volk beherrscht. … Wer zweitausend Jahre nicht dort war, darf ins Land, wenn er Jude ist, aber wer seit zweitausend Jahren dort lebt, bekommt nicht das volle Bürgerrecht, wenn er kein Jude ist.“

Ein Buch über Judenverfolgung, Vertreibung, Verrat, Fremdenfeindlichkeit, Immobilienhaie aber auch Hilfsbereitschaft.
Brandaktuell also!

Der Schreibstil war für mich etwas gewöhnungsbedürftig und holprig. Auch die vielen Personen und Namen haben mich zeitweise etwas überfordert. Allerdings war für mich das Personenregister am Ende des Buches sehr hilfreich.

Gott wohnt im Wedding bekommt von mir 4 Sterne.

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Spannender Roman durch Generation

Von: Monal Datum: 07. Mai 2019

Man kann dank Regina Scheer fast die Blumensträuße riechen die in der "SCHÖNE FLORA" gebunden werden.
Ein fesselndes aber doch politisches Buch über Generationen hinweg, dass einen in die Geschichte mit ihnen / um sie herum hinein zieht und man mit Spannung dem Geschehen im Jetzt folgt...
Einen Stern Abzug, da teilweise wirklich schwer zu lesen. Gott sei dank ist am Buchende eine kleine Übersicht und Geschichte zu den jeweiligen Charakteren zu finden.

...nix für "Zwischendurch": Eine berührende Geschichtsstunde!

Von: Andreas Kück - LESELUST Datum: 01. Mai 2019

Das alte Haus im Wedding knackt…
…und lauscht den Geschichten der Menschen, die in seinen Wänden nun wohnen, und erinnert sich an seine eigene Geschichte mit all den Menschen mit ihren Schicksalen, die in seinen Wänden gewohnt, gelebt und geliebt haben. Es ist erstaunt, wie eng diese Schicksale miteinander verknüpft sind – für die Menschen manchmal nicht begreifbar…

Das alte Haus im Wedding knarrt…
…und blickt auf Laila Fidler, einer jungen Sintiza, die in sein Hinterhaus gezogen ist, nichtsahnend, dass ihr Vorfahren ebenfalls hier einmal Zuflucht gefunden haben. Laila, die mit ihrer Familie als Spätaussiedler aus Polen nach Deutschland gekommen ist, fühlt sich zerrissen: Ist sie eine Deutsche? Ist sie eine „Zigeunerin“? Wohin gehört sie? Sie hadert mit ihrer Herkunft und verschweigt sie lieber aus Angst, geächtet zu werden. Sie ist eine Vertriebene in der eigenen Heimat…

Das alte Haus im Wedding stöhnt…
…und erkennt in dem alten Mann, der seit einigen Tagen unter seinem Torbogen steht, Leo Lehmann wieder, der in den Jahren des Nationalsozialismus als Jude untertauchen musste und mit seinem besten Freund Manfred Neumann im Untergrund operierte. Mit dem Mut und der Kraft der Verzweifelten kämpften sie ums Überleben, bis Manfred hier in der Wohnung von Gertrud Romberg verhaftet wurde. Leo überlebte und wanderte nach Israel aus. Nun ist er nach Jahrzehnten wieder in Berlin in Begleitung seiner Enkelin, die in dieser Stadt ihre Zukunft sieht…

Das alte Haus im Wedding knarzt…
…und schaut voller Sorge auf Gertrud Romberg, die seit ihrer Geburt hier lebt. Sogar die traumatischen Geschehnisse rund um die Verhaftung von ihrem geliebten Manfred konnten sie nicht zum Wegzug bewegen. Wo sollte sie auch hin? Jetzt ist es zu spät: Sie ist alt! Doch die neuen Investoren des Hauses möchten sie gerne loswerten, aber sie wird sich nicht vertreiben lassen. Wenn sie stirbt, dann hier in diesem Haus im Wedding…

Das alte Haus im Wedding brennt…
…und muss so dem Fortschritt weichen. Aber ist Fortschritt nicht auch nur eine andere Form von Vertreibung?

Die Figuren in Regina Scheers Roman sind allesamt Flüchtende: Sie fliehen vor Bedrohungen wie Krieg und Verfolgung. Sie fliehen vor Armut und Unterdrückung. Sie fliehen aber auch vor der eigenen Geschichte.

Und doch suchen sie alle eine Identität und ein kleines Stückchen Heimat, eine Ahnung von „zuhause sein“. Diese Sehnsucht nach Heimat und das Gefühl der ständigen Entwurzelung formen die Seelen dieser Menschen.

Sehnsucht: Endlich angekommen sein! Regina Scheer packte mich als Leser emotional am Schlafittchen und rüttelte am Fundament meiner Existenz. Eine spürbare Trauer durchzieht diesen Roman und lässt mich nachdenklich zurück. Bei der Lektüre schwirrten mir immer wieder Fragen durch meinen Kopf: „Was bedeutet Heimat für mich?“ und „Was wäre ich, wenn ich plötzlich heimatlos wäre?“. Ich musste dann die Lektüre unterbrechen, Luft holen, Gedanken ordnen…! Trauer…!

…und doch verlässt uns der Roman auch wieder mit dem Funken der Hoffnung nach einem Neubeginn: Das alte Haus im Wedding ist nun Geschichte! Aber eine neue Geschichte beginnt…!

Gott Wohnt im Wedding – schwerfällig, aber lesenswert

Von: Sören Datum: 30. April 2019

Gott Wohnt im Wedding von Regina Scheer ist ein ordentliches Buch, Passagenweise sogar mehr als ordentlich bis gut. Ich habe zwei offizielle Rezensionen gefunden, ein Lob, einen Verriss. Gott Wohnt im Wedding liegt qualitativ tatsächlich irgendwo dazwischen.

Hoch gesteckte Ziele

Das Projekt ist an sich sehr anspruchsvoll. Die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner wird vom Ende des 19. Jahrhunderts bis fast heute erzählt. Der Fokus liegt auf den Erniedrigten und Beleidigten. Lose strukturierte Geschichte, die lang herausgezögerte Wiederbegegnung zwischen dem aus Israel zurückgekehrten Leo Lehmann, der in den vierziger Jahren als jüdisches „U-Boot“ (Bezeichnung für untergetauchte Juden) in Berlin gelebt hat und der etwa gleichaltrigen Gertrud Romberg, bei der er manchmal übernachtet hat, und von der er glaubt, verraten worden zu sein.

Ansonsten schieben sich mit der Zeit vor allem die im Haus lebenden Romafamilien in den Mittelpunkt. Die systemischen und privaten Vorurteile gegen Roma bilden den politischen Schwerpunkt des Romans.

Gelungene und misslungene Geschichten

Der hat seine Stärken und Schwächen. Gut erzählt sind alle Geschichten, die direkt aus den Lebenserfahrungen von Gertrud und Leo erwachsen. Auch die Art und Weise, wie die neuen Besitzer des Hauses im Wedding Minderheiten gegeneinander ausspielen, Besetzungen und Überbelegung, erst durch russische Familien, dann durch Roma, bewusst dulden, und sogar ermöglichen, um an bestehende Vorurteile anzudocken und neue zu schüren, damit langfristige Mieter herauszuekeln und am Ende das Haus abzureißen und einen teuren Neubau hinzustellen, ist gut erzählt, gibt dem Schlagwort „Gentrifizierung“ ein Gesicht. Auch die Gruppendynamiken innerhalb der Bewohnerschaften wirken glaubhaft, Scheer zeichnet keine heile Welt der Benachteiligten gegen die Mehrheitsgesellschaft, sondern selbst zutiefst von Vorurteilen durchzogene Minderheiten, die sich menschlich längst nicht immer korrekt verhalten – im Gegenteil. Gebrochene Helden also.

Das ändert allerdings nichts daran, dass das gesamte Personal des Romans ein wenig wirkt, als sei es nur dazu da, Geschichtsdiskurse anzustoßen. Gott Wohnt im Wedding versammelt wirklich alles an Lebensgeschichten, was es braucht, um die vergangenen 150 Jahren mit Schwerpunkt auf den Nationalsozialismus durchzuackern. Das gerät Scheer stellenweise sehr hölzern und auch mehr als nur ein wenig bemüht.

Ernsthaft? Ein sprechendes Haus?

Apropos bemüht. Die Autorin hat sich tatsächlich dazu hinreißen lassen, Teile des Romans aus der Perspektive des Hauses zu erzählen. Ja: das Haus sagt „ich“. Das steckt so nervig quer im Text, dass man geneigt ist, die Szenen zu überblättern. Vor allem weil es relativ unnötig ist. Zwar wird so die Zeit „vor Gertrud“ abgedeckt, aber selbst das hätte man aus dem Text heraus angehen können. Alle diese Momente wären in Gesprächen zwischen Protagonisten besser aufgehoben gewesen, zumal ein Nebencharakter Historiker ist.

Im Ganzen aber lohnt Gott wohnt im Wedding als Lektüre. Es ist ästhetisch keine Meisterleistung. Ein Modernismus mit angezogener Handbremse, der genau so viel an wechselnden Perspektiven erlaubt, wie sie auch Durchschnittsleser noch leicht ertragen können sollten. Politisch ist das Buch allein schon deshalb bedeutsam, weil es die immer noch herrschende Romaverfolgung in vielen Staaten Europas und die Ignoranz der wenigen Staaten, in denen Sinti und Roma zumindest mit etwas Glück halbwegs unbehelligt leben könnten, in den Blick rückt, insbesondere die Erklärung von osteuropäischen Staaten zu „sicheren Herkunftsländern“. Ja: Für die meisten seiner Bewohner mag der Balkan größtenteils sicher sein. Für Sinti und Roma definitiv nicht.

Wer Berlin liebt wird dieses Buch lieben

Von: Sharleena62 Datum: 28. April 2019

Die Geschichte eines Hauses, seiner Bewohner, einer Stadt - erzählt aus der Sicht des Hauses in einer Straße im Wedding, das die Zeit und seine Bewohner überlebt hat. Es ist ein stilles, leises Buch, das einen eintauchen lässt in die Geschichte und die Gegenwart. Man nimmt teil am Leben der Bewohner und taucht ein in deren Leben. Ein faszinierendes Buch für Leser, die Berlin lieben und die sich im Wedding auskennen. Aber auch für Menschen, die sich aufgrund des Buches dann in den besonderen Charme, den der Wedding ausmacht, verlieben. Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich freue mich, wenn ich das nächste Mal in Berlin bin, ich den Wedding ganz neu zu entdecken werde und ich sicher mit einer anderen Wahrnehmung durch die Straßen gehen werde.

Sehr empfehlenswert

Von: Gethsemane Datum: 28. April 2019

Das Buch passt zur aktuell erschreckend veränderten Haltung weiter Gesellschaftsteile nicht nur in Deutschland: in Zeiten zunehmender rechter Hetze und Diskriminierung von Menschen mit Fluchterfahrung und „Migrationshintergrund“ zeigt es anschaulich und erschütternd auf, was Ausgrenzung von Anderen, Flucht und Vertreibung für grausame Auswirkungen direkt und bis in die nächsten Generationen hat.
Ein Haus im Berliner Stadtteil Wedding, im Jahr 1890 erbaut, erzählt von den Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen, die in diesen mehr als 100 Jahren in seinen Mauern gewohnt haben:
„Ich habe überhaupt nur gehört, was hier auf meinem Hof, zwischen meinen Wänden geredet wurde, und nur gesehen, was da geschehen ist, und das reicht mir auch.“
Der Leser erfährt darüber hinaus durch auktoriale Erzählung mehr von den Lebensgeschichten, die die bedrückende jüngere deutsche Vergangenheit bis in die Gegenwart lebendig erscheinen lässt.
Deutsche Fabrikarbeiter, Spätaussiedler aus Polen, Russland, Sinti mit ostpreußischen Vorfahren, rumänische Roma, eine alte Dame, die 1943/44 zwei verfolgten jüdischen Nachbarsjungen Unterschlupf gewährt hat, von denen der eine in ihrer Wohnung verhaftet wurde und der andere Jahrzehnte später aus Israel wegen einer Erbschaftsangelegenheit mit seiner Enkelin Berlin besucht: sie alle sind mehr oder weniger mit dem Haus verbunden und ihre Geschichten berühren sich und durch die behutsame Erzählweise auch den Leser.
Man kann das Buch als spannenden Roman verschlingen und mag es nicht mehr aus der Hand legen.
Wer sich aber die Mühe macht, sich mit den Bedeutungen der im Buch vorkommenden nicht alltäglichen Wörter aus der Geschichte der Sinti und Roma, der jüdischen Religion und Siedlungsgeschichte und den politischen Begriffen auseinanderzusetzen, kann noch viel mehr über die Situation der Menschen, um die es geht, erfahren.
Das Buch habe ich mit großem Interesse gelesen. Es hat mich gefesselt und über vieles zum Nachdenke angeregt.
Die Autorin kannte ich nicht, aber ich werde nun auf jeden Fall auch ihren Debütroman „Machandel“ lesen.

Vielleicht wohnt Gott doch nicht im Wedding?

Von: Marie Datum: 28. April 2019

Dieses Buch hat mich zutiefst berührt und bewegt. Mit einem sehr lebendigen, bildhaften Schreibstil gelingt es der Autorin, dass man schon ab Seite 1 von der Geschichte gefesselt ist. Stellenweise fiel es mir wirklich schwer mit dem Lesen aufzuhören. Man verfolgt das Leben verschiedener Personen, die alle ihre eigenen Geschichten haben. Geschichten, die Stück für Stück mehr entdeckt werden und ein Zeitzeugnis bilden. Dabei bleibt keine Figur nur schwarz oder weiß, sondern jede Figur entwickelt Ebenen. Durch den sehr guten Schreibstil fühlt es sich immer so an als würde man mit den Figuren (er)leben. Eine besonders charmante Idee: Selbst das Haus kommt als Protganist zu Wort. Ein spanneder Gedanke: Was würden die alten Häuser wohl zu erzählen haben, wenn sie könnten? Welche Geschichten haben sie erlebt? Welche Gespräche mitbekommen?
Ein Buch, dass Jahrzehnte überspannt und teilweise zum Nachdenken anregt. Ich habe es auf jeden Fall sehr gern gelesen.

Eine Ode an die Verschiedenheit der Menschen

Von: Miriam Datum: 28. April 2019

Regina Scheers "Gott wohnt im Wedding" erzählt Geschichten aus dem Alltag eines Hauses und einiger seiner Bewohner*innen im Berliner Wedding. Über ein Jahrhundert deutscher Geschichte wird hier auf grandiose Weise erzählt. Ob die Kommentare zur Veränderungen der Zeiten durch das Haus, die Erinnerungen des jüdischen Großvaters, die Ansichten der jahrzehntelangen Bewohnerin oder die Überlegungen und Hoffnungen einer nach langer Reise dort Angekommen: Die Charaktere und ihre Hintergründe verweben sich und werden liebevoll dargestellt, ohne kitschig zu werden.
"Gott wohnt im Wedding" lehrt Geschichte ganz nebenbei, ohne dabei den Zeigefinger zu erheben. Und das ist sehr wertvoll. Hier wird verschiedenen Meinungen Raum gegeben, die allesamt ihre Berechtigung haben. Selten habe ich in letzter Zeit ein Buch gelesen, das so vielseitig und so respektvoll Pluralität zum Ausdruck brachte. Gerade in unserer heutigen Zeit brauchen wir Geschichten, die uns verdeutlichen, wie wunderbar und wichtig unser Zusammenleben durch unsere Unterschiede wird - dass es kein Problem ist, anders zu sein, sondern wir alle durch ein bunteres Leben profitieren können. Und dieses Buch weist uns darauf hin, wie wir einander immer nur bis vor die Stirn sehen können. All die Kämpfe, die wir bereits ausgefochten haben und innerhalb derer wir uns immer noch befinden, prägen die Leben und Ansichten der Charaktere wie sie auch uns prägen. Ebenso zeigt es aber auch, wie wohltuend die Verbindung zu unseren Nachbarn und Nachbarinnen sein kann.
Vor allem für Berliner*innen und jene, die sich in der Ferne nach dieser Stadt sehnen, eignet sich dieses Buch. Es entführt in die Stadtteile, wie sie sind und wie sie waren. "Gott wohnt im Wedding" ist Stadtspaziergang, Zeitreise und Blick in die Seele in einem. Eine wunderbare Erinnerung an das, was wirklich zählt im Leben und eine Ode an die Verschiedenheit der Menschen!

Geschichte eines Hauses

Von: Frau Lehmann Datum: 28. April 2019

Um damit zu beginnen, ich habe "Machandel" leider noch nicht gelesen, den preisgekrönten Debütroman Regina Scheers. Daher kann ich über "besser" oder "schlechter" nicht urteilen. Und eigentlich bin ich ganz froh darüber, ohne Erwartungen an diesen Roman gegangen zu sein. Es wäre nämlich immens schade gewesen, wenn er mich auch nur ein Deut weniger berührt hätte, weil ich falsche Vorstellungen im Kopf gehabt hätte.
Das Buch erzählt die Geschichte eines Hauses im Wedding, einem an Geschichten reichen Berliner Stadtteil. 1890 erbaut, steht nun sein Abriss bevor. Zuletzt haben rumänische Wanderarbeiter dort gewohnt, meist Roma, und seit ihrer Geburt 1918 die alte Frau Romberg.
Intensiv und mit offensichtlich viel Hintergrundwissen berichtet Frau Scheer über die Parallelen und Unterschiede im Umgang mit den Juden und den Roma im Dritten Reich. Sie erzählt von U-Booten (untergetauchte Juden, die versuchen den Häschern zu entkommen), von Arbeitslagern, von Schmerz, Verrat und Tod. Sie erzählt von den "Zigeunern", die vor, während und vor allem auch nach dem Krieg überall unerwünscht sind, von fehlender Anerkennung, mangelndem Schuldbewußtsein der Deutschen und Behördenterror.
Ich habe mich immer für geschichtsbewußt gehalten und dennoch ist mir der Umgang mit den Sinti, den deutschen Roma, nur am Rande bewußt gewesen und schon gar nicht das Ausmaß der Verfolgung.
Das Alles in einen Roman verpackt zu haben, der einerseits spannend geschrieben ist und andererseits die Zusammenhänge verdeutlicht, ist eine Kunst. In dem Berliner Mietshaus treffen Juden, Roma und Deutsche aufeinander, kreuzen sich Lebenswege. Da trifft der alte Leo Lehmann, gerade aus Israel mit seiner Enkelin eingetroffen, auf Gertrud Romberg, die ihn und einen Freund vermutlich an die Gestapo verraten hat. Aber hat sie wirklich? Dort wohnt Laila Fidler, die nicht ahnt, dass ihre Großeltern auch schon genau dieses Haus bewohnt haben. Laila, die in Deutschland aufgewachsen ist, versucht auch den vielen aus Rumänien eingereisten Roma bei den Behördengängen zu helfen. Ihr Stiefvater ist Mitglied einer Organisation, die Sinti und Roma eine Stimme geben möchte.
Der Roman ist sicherlich nicht dafür geeignet, einfach zur Unterhaltung gelesen zu werden. Er ist nicht schwer zu lesen, nein, aber der Inhalt ist bisweilen schwer zu fassen. Und man muss schon bereit sein, mit dem großen Personal zu leben. Man kann eine derart breit gefächerte Geschichte nicht mit drei Personen erzählen. Schließlich wird ein Zeitraum von fast einhundert Jahren abgedeckt.
Und dann, ja, das muss ich noch schreiben, brauchen wir solche Bücher derzeit. Jetzt, wo der Ruck nach Rechts deutlich spürbar wird und die braune Sauce wieder aus allen Abwasserkanälen quillt, sollten wir uns immer und immer wieder bewusst machen, dass wir unsere Geschichte noch lange nicht aufgearbeitet haben. Dass man eben nicht den Deckel auf den Topf setzen und die Geschichte verleugnen oder zu den Akten legen kann. Daher kann ich diesen Roman wirklich nur jedem ans Herz legen.

Familienepos für Berlinfans

Von: Wibke Datum: 28. April 2019

Dieser Roman handelt von einem Berliner Stadtteil namens Wedding und dessen Bewohner. Man erfährt beim Lesen vor allem sehr viel über die Geschichte und Schicksale dieser Menschen, die eng mit diesem Stadtteil verknüpft sind . Die Autorin versteht es das Wedding zur Zeit des Nationalismus lebendig werden zu lassen. Generell erhält man viel Einblick in die -nicht nur Deutsche- Geschichte über Erinnerungen und Rückblenden der Charaktere des Romans.
Da gibt es den siebzigjährigen Leo Lehmann, der unfreiwillig nach etlichen Jahren aus Israel nach Wedding zurückkehrt und mit seinen Erinnerungen konfrontiert wird. Seine Enkelin ahnt davon jedoch nichts, da sie nicht sehr viel über die Vergangenheit ihres Großvaters weiß. Der Leser/ die Leserin erfährt auch wie und warum Leo damals von Wedding nach Israel flüchtete. Die Autorin Regina Scheer beschreibt in Leos Erinnerungen sehr plastisch wie das damalige Wedding ausgesehen hat. Sogar ein Gebäude, das behauptet das älteste in Wedding zu sein, berichtet wer schon alles ein-und ausgezogen ist und was sich alles über die Jahrzehnte hinweg verändert hat. Diese Idee ein Gebäude zu Wort kommen zu lassen finde ich sehr gelungen.
Die Charaktere Leo , sein damaliger Freund Manfred , Leila und Gertrud sind schicksalshaft miteinander verbunden. Gertrud hatte damals Leo und Manfred nicht an die Nationalsozialisten verraten und auch Leila ahnt nicht, dass ihre Geschichte und die ihres Volkes -den Sinti -eng mit Wedding bzw mit diesem einen Gebäude verbunden sind. Nicht nur, dass man Einblick in die Deutsche Geschichte erhält, sondern auch die Geschichte des Sinti-Volkes aber auch die der Polen-Deutsche, die zu früheren Zeiten Unterschlupf in dem ältesten Gebäude Weddings gefunden haben.
Und da komme ich auch schon zum Knackpunkt: Nach meinem Empfinden gibt es viel zu viel geschichtliche Hintergründe zu verschiedenen Familien, die mehrere Generationen zurückreichen. Das macht das Lesen schwierig:Es kommen zu viele verschiedene Personen darin vor, deren Geschichte und Hintergründe zu detailliert erzählt wird.
Der Schreibstil ist trotz alledem sehr plastisch und man kann förmlich den berühmt berüchtigten Gestank Berlins wahrnehmen in den Beschreibungen der Autorin. Der Roman ist für mein Empfinden sehr erzähllastig mit wenig Dialogen und wie erwähnt zu sehr verschachtelt mit zu detaillierten Hintergründen. Ich habe teilweise einfach den Überblick verloren.
Die Geschichte/der Plot hat mir ansonsten gut gefallen, aber ich musste mich wirklich durchquälen, weil viel zuviele Details und Personen, die nicht alle notwendig sind für die Geschichte.
Ich kann mir vorstellen, dass das Buch etwas für Leserinnen/Leser ist, die Berlin-Wedding kennen und/oder Berlinfans sind und gerne etwas von derenGeschichte erfahren möchten.

Ungewöhnlicher 'Protagonist'

Von: M.G. Datum: 28. April 2019

Die Idee, einem Haus quasi eine Stimme zu geben, ist im ersten Moment etwas irritierend, aber nach kurzer Gewöhnung eine sehr spannende Perspektive. Stil und Wortwahl ist manchmal etwas ungewöhnlich, aber mit der Zeit konnte ich das Buch gut lesen. Thematisch werden verschiedene Schicksale von 'Verfolgten' erzählt. Sei es von deren Geschichte, der Gesellschaft oder auch durch familiäre Schicksale. Dir Rückblenden sind hochspannend erzählt und auch mit dem heutigen Blick auf Migration, Kiez-Leben und dem Leben in der Großstadt konnte ich viel anfangen. Insgesamt ein ganz gutes Buch, nur leider stellenweise etwas langatmig.

Keine leichte Kost!

Von: Sabrina Datum: 27. April 2019

Das Buch "Gott wohnt im Wedding" von Regina Scheer ist ein Roman und gleichzeitig ein Stück deutscher Zeitgeschichte.
Leo Lehmann, ein jüdischer Überlebender des Holocaust, kehrt nach Jahrzenten aus Israel zurück nach Berlin, um juristische Angelegenheiten zu klären. Er suchte damals, gemeinsam mit seinem Freund Manfred, Unterschlupf bei Gertrud Romberg in dem Haus in der Utrechter Straße.
Als er nun wieder, mit inzwischen 94 Jahren, vor eben jenem Haus steht, kommen die Erinnerungen an die damalige Zeit zurück. Wer hat ihn und seinen Freund an die Gestapo verraten? Wer ist somit für Manfreds Tod verantwortlich?
Das Haus kommt in diesem Buch ebenfalls zu Wort und erzählt von seiner Vergangenheit und den vielen Bewohnern, die innerhalb der Jahre ein und aus gegangen sind.
Die Autorin bringt, neben Leo und Gertrud, eine weitere Hauptfigur ins Spiel...die Sintiza Laila, die als Spätaussiedlerin über Umwege nach Berlin in das Haus in der Utrechter Straße kam.
Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut, da mich die Thematik interessiert. Aber schon auf den ersten Seiten musste ich feststellen, dass ich mit so unzähligen Fakten und Fremdwörtern beinahe erschlagen wurde. Ich habe überhaupt nicht in die Geschichte hinein gefunden.
Die einzelnen Handlungsstränge ziehen sich teilweise sehr in die Länge und ich habe zeitweise nur quergelesen. Es war schwierig sich die vielen Personen und wie sie zusammen gehören, zu merken.
Vor allem die mehr als ausführliche Geschichte der verschiedenen Roma-Gruppen mit ihren Traditionen hat mich vollends aus dem Tritt gebracht.
Der Roman wird beim Lesen immer mehr zu einem Sachbuch und die eigentliche Handlung tritt vollkommen in den Hintergrund.
Sehr schade, denn ich hatte mir viel mehr von diesem Roman versprochen.

Gott wohnt im Wedding

Von: Fräulein Julia Datum: 27. April 2019

In einem Haus in der Utrechter Straße im Wedding führt Regina Scheer in ihrem neuen Roman zahlreiche Menschen, Nationen, Religionen und Erinnerungen zusammen.

Dass „Rom“ einfach „Mensch“ heißt, „Roma“ und „Romnija“ den männlichen bzw. weiblichen Plural in der Sprache Romanes beschreiben – das wusste ich bisher nicht. Überhaupt, wird mir beim Lesen von Gott wohnt im Wedding bewusst: Über Roma und Sinti weiß ich wenig bis gar nichts, höchstens, dass die Frauen meistens lange dunkle Haare und ebenso lange Röcke tragen, in Berlin sieht man sie außerdem häufig in den U-Bahn-Stationen oder vor Supermärkten um Geld fragen. Ein Bild, welches stark von Stereotypen geprägt ist, so viel muss ich mir, auch wenn es unangenehm ist, eingestehen. Möchte Regina Scheer also mit ihrem neuen Roman zum kulturellen Verständnis beitragen? Ziemlich sicher – aber ihr Buch enthält noch so viele weitere Ebenen.

Wir befinden uns in einem Haus in der Utrechter Straße im Stadtteil Wedding; der ehemalige Arbeiterbezirk, auch „roter Wedding“ genannt, ist seit vielen Jahren „im Kommen“, wie immer wieder geschmunzelt wird. Tatsächlich wird die Anzahl der hippen Cafés immer größer, die Mietpreise steigen – und auch das Gebäude, das den Mittelpunkt des Romans bildet, ist davor nicht geschützt. Die Eigentümer haben es verkauft und niemand kümmert sich mehr darum, wenn die Heizung ausfällt oder ein Fenster kaputt geht, müssen die Bewohner*innen selbst Hand anlegen.

Trotzdem möchte Gertrud Romberg nicht aus ihrer Dachgeschosswohnung ausziehen: Sie ist schon über 90 Jahre alt, aber in diesem Haus aufgewachsen und dem alten Gemäuer mit zahlreichen Erinnerungen verbunden – vor allem an die Zeit vor dem und während dem zweiten Weltkrieg, als im Hauseingang ein Hitlerjunge erstochen wurde und es seitens der SA zu blutigen Vergeltungen kam. Damals verlor sie auch ihre große Liebe Manfred, der sich mit seinem Freund Leo – beides Juden – gelegentlich bei ihr versteckte. Leo lebt aber noch und tatsächlich kommt er, nach vielen Jahrzehnten in einem Kibbuz in Israel, mit seiner Enkelin nach Berlin, um Erbschaftsangelegenheiten zu regeln und seiner Geburtsstadt einen letzten Besuch abzustatten. All die Jahre war er davon überzeugt, Gertrud hätte Manfred verraten und so seinen Tod verursacht. Kann man solche alten Wunden heilen?

Doch Regina Scheer gibt sich nicht mit zwei Personen zufrieden, das schrammelige Haus wird darüber hinaus von verschiedenen Familien bewohnt, die der Roma und Sinti zugehörig sind und unter übelsten Bedingungen auf Matratzenlagern in den Zimmern hausen. Und sie gibt diesen Menschen, die in unserer Alltagsaufmerksamkeit kaum vorkommen, ein Gesicht und eine Stimme: Da ist Laila, die aus einer deutschen Sinti-Familie stammt und ihre Zugehörigkeit lange verleugnete, im Haus zunehmend aber zur Dolmetscherin der anderen wird; da sind Norida, Lucia, Nikola und Suzana, stolze Romnija, die verzweifelt versuchen, in Deutschland einen Fuß auf den Boden zu bekommen und letztendlich auf verschiedene Arten daran scheitern. Und – ein recht ungewöhnliches Erzählformat – Scheer lässt auch das Haus selbst zu Wort kommen, dessen Balken nach über Hundert Jahren ächzen und das die Geschichten erzählen kann, für die aus einer anderen Erzählperspektive viele weitere Zeitsprünge nötig gewesen wären.

Wieder ein Familienepos

Auf jeder Seite des Romans merkt man: Die Autorin muss wahnsinnig viel Zeit aufgewendet haben, um über die Geschichte des Weddings seit der Jahrhundertwende und über die Lebensbedingungen, Traditionen und Verhaltensweisen von Sinti und Roma zu recherchieren. Auch die wirren Zeiten unter der Nazi-Herrschaft, das Leben von Manfred und Leo als „U-Boote“, die Anfänge der Kibbuze in Israel und die teilweise hahnebüchen komplizierten Rückführungen jüdischen Eigentums spielen eine wichtige Rolle im Buch.

Manchmal driftet die Geschichte deswegen in Details ab, die für die Handlung an sich keinen Nutzen haben und man fühlt sich von den ganzen Namen überfordert. Meistens fügt es dem Gesamtbild bzw. der Charakterisierung der einzelnen Figuren aber eine Art plüschiges Polster hinzu, durch die man ihr Handeln besser versteht. Nach Machandel hat sich Regina Scheer erneut ein Familienepos als Grundlage ausgesucht, welches sich, mit vielen Zeitsprüngen und Erzählebenen, über mehrere Generationen zieht. Gott wohnt im Wedding kann ihrem ersten Roman nicht ganz das Wasser reichen – doch zeigt auch er: Geschichte(n) erzählen, das kann Frau Scheer!

Faszinierend!

Von: ullamaria Datum: 26. April 2019

Das Buch "Gott wohnt im Wedding" hat mich durch die unterschiedlichen Erzählebenen (sogar ein altes Mietshaus wird zum Erzähler) fasziniert. Man erfährt vieles über die untergetauchten Juden in Berlin, aber noch mehr über die Geschichte der Romas und Sintis in Deutschland, Polen und anderen europäischen Ländern. Die Aufarbeitung des Erlebten, Vergebung alter Schuld, aber auch die "andere Seite" der Wahrheit und immer wieder kleine (und große) Lichtblicke sind Themen im Buch. Sehr empfehlenswert!

Das Gedächtnis eines Hauses

Von: Jane Heinrich Datum: 25. April 2019

Regina Scheer verwebt in diesem Buch die Geschichten der Menschen, die ein Haus im Berliner Wedding über die Zeit seit seinem Bau am Ende des 19. Jahrhunderts bis heute bevölker(t)en. Und sie läßt auch das Haus selber zu Wort kommen, das aus seinen Erinnerungen berichtet. Das Haus hat viele Menschen kommen und gehen sehen, ihr Leid, ihr Glück, ihre Hoffnungen und Enttäuschungen. Die Geschichten dieser Menschen verbinden sich mit der deutschen Geschichte, dem Unrecht, das Juden und Sinti wie Roma geschah. In den Personen Gertrud Romberg, der ältesten Hausbewohnerin, ihrer Nachbarin Laila Fidler, einer Sintiza und Leo Lehmann, der sich im Dritten Reich als untergetauchter Jude im Haus versteckt hatte und nun in den Wedding zurückkehrt, verbinden sich sich die diversen Handlungsstänge. Die Autorin schafft einen Kosmos von Menschen, verwebt ihn mit vielen historischen Details und gibt auch das Schicksal der heutigen zugewanderten Roma aus Rumänien authentisch wieder. Unser Umgang mit ihnen und das Ignorieren des Schicksals der verfolgten Sinti und Roma im Dritten Reich stimmen mich als Leserin nachdenklich und ich kann das Buch allen empfehlen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen wollen und dabei die Menschen kennenlernen wollen, die die Autorin in großartiger Weise geschaffen hat.

Mehr erwartet

Von: flottfrau Datum: 25. April 2019

Ich habe mich sehr auf das Buch gefreut.
Einen Roman in Verbindung zu einem Mietshaus zu schreiben,den Rückblick und die Entwicklung zu " erlesen" fand ich als ziemlich frischen Impuls.
Jedoch habe ich nach einigen Seiten eine langatmigkeit erlebt,viele Namen,viele Klischees die bedient werden.
Ich habe nach ca. der Hälfte nur noch Quergelesen und muss sagen...schade.

Gott wohnt m Wedding

Von: Reni Datum: 24. April 2019

Seit Leo Lehmann nach dem Krieg nach Israel ging hat er Deutschland nicht mehr betreten. Jetzt kehrt er mit 94 Jahren nach Berlin zurück um die Rückführung des Familienvermögens abzuschließen. Aber im Wedding, vor dem Haus in der Utrechter Straße, steigen die alten Bilder und Geschichten wieder in ihm auf. Der jüdische Widerstand in den 1930er Jahren, sein Freund Manfred, mit dem er schließlich untertauchen musste und der von der Gestapo abgeholt worden war – ausgerechnet bei Getrud, die ihnen Unterschlupf gewährt hatte. War sie eine Denunziantin?
Das alte, inzwischen heruntergekommene und kurz vor dem Abriss stehende Haus erzählt seine bewegte Geschichte: von den Wanderarbeitern, die es erbauten, von den Ereignissen im roten Wedding und von seinen Bewohnern, von denen als letzte nur noch Gertrud in der Dachwohnung lebt. Alles andere ist ein Kommen und Gehen derer, die am Rand der Wohlstandsgesellschaft nach etwas Glück und einem kleinen Stück Teilhabe suchen, wie die Frauen und die Familien aus Rumänien.
Auch Laila, die in Polen geboren wurde, lebt hier und findet in dem alten Haus erstmals ein Zuhause. Hier erkennt sie auch, dass sie ihre Sinti-Herkunft annehmen kann. Als sie das Haus verlässt, geht sie mit einer neuen, unerwarteten Lebensperspektive.

Regina Scheer beschreibt Menschen, denen literarisch eher selten Gestalt verliehen wird. Sie erzählt warmherzig und fesselnd ein Epos, das Generationen, Ereignisse und Zeiten verbindet. Dank ihrer akribischen Recherche erschließen sich Details, Verflechtungen und Zusammenhänge, die in der Regel nicht in den Geschichtsbüchern stehen. Somit ist der Roman sowohl eine unterhaltsame Lektüre, als auch ein Fundus an historischem und sozialem Hintergrundwissen.

Rezension

Von: Karin Schäfer Datum: 24. April 2019

Für mich, Jahrgang 1958 , mit Eltern aus der ehemaligen DDR, quasi eine Pflichtlektüre. Ganz hervorraend fand ich, auch dem Haus eine eigene Stimme bzw. Beurteilung der Lage zu geben, nicht nur den einzelnen Bewohnern. Sie zeigt auf, wie das Zusammenleben menschlich wertvolll sein kann, wenn man die Herkunft außer Acht läßt. Das Buch ist gelebte Geschichte zwischen Alt und Jung, Sinti und Juden und hat mich bis zum wehmütigen , aber nachvollziehbaren Ende, gefesselt.

Gelungene Verknüpfung von fiktivem Roman mit Zeitgeschichte

Von: Waschbaerin Datum: 23. April 2019

Dass es sich bei dem Roman „Gott wohnt im Wedding“ von Regina Scheer um keine leichte Lektüre handelt, war mir, nachdem ich die Inhaltsangabe sowie die Leseprobe gelesen hatte, sofort klar. Dies ist nicht nur ein Roman, sondern es wird auch deutsche Geschichte erzählt.

Es beginnt damit, dass ein Haus anfängt und schildert wie es gebaut wurde und wen es alles unter seinem Dach beherbergte. Bereits sein Beginn war mit vielen Problemen behaftet. Finanziell übernahmen sich nacheinander die unterschiedlichen Bauherrn und gingen pleite. Die Bauhelfer holte man sich aus der Schrippenkirche. Tagelöhner. Männer die dankbar waren für jeden Verdienst (S.87). Nach der Religion fragte niemand. Oder vielleicht hatte man auch nichts gegen Juden, von denen auch viele Kornhasen, also Obdachlose waren (S.88) Auf der Straße gab es eine ganz eigene Sprache. Wahrlich ein schwieriger Anfang. Doch das Haus stand später fest auf seinen Grundmauern. Überdauerte den schrecklichen Krieg, die vielen Menschen die dort ein- und auch wieder auszogen. Doch die Investoren der Neuzeit gaben ihm keine Chance.

Der Wedding, ein Arbeiterviertel. Hierhin zieht es Leo Lehmann aus Israel, als er nach so vielen Jahren Deutschland einen Besuch abstattet, begleitet von seiner Enkelin Nira. Erbschaftsangelegenheiten müssen erledigt werden. Noch einmal will Leo dahin zurück, wo er aufwuchs und während des Krieges mit seinem Freund Manfred als U-Boot leben musste, damit sie in keinem KZ landen würden. Wir treffen auf Simon diese starke Persönlichkeit, der so mutig war und keine Angst zu haben schien den Unterdrückten zur Flucht zu verhelfen. Er, der den Krieg überlebte, aber später im Frieden keine Kraft mehr hatte weiter zu leben. Gerdrud, diese alte Dame, die ihr ganzes Leben in diesem Haus verbrachte, im Krieg Leo und Manfred immer wieder einen Schlafplatz überließ. Es sind schöne, als auch sehr traurige Erinnerungen, die Leo mit dem Leser teilt. Deutsche Geschichte eben, in ihrem Auf und Ab.

Doch in dem Haus lebten viele Nationalitäten. Russinnen, die Flauschmäntel nähten und diese zurück ließen, als sie quasi über Nacht wieder verschwanden. Flüchtlinge aus den unterschiedlichsten Ländern, Rumänen und dann Sinti und Roma, die bereits vor dem Krieg hier lebten und auch später wieder. Ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung von all den unterschiedlichsten Strömungen bei Sinti und Roma hatte. Sie hatten ihre deutschen Namen und dann ihre Rufnamen in ihrer eigene Sprache. Waren sie Deutsche, später Polen um dann wieder ausgebürgert zu werden um am Ende wieder die deutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen. Für den Leser sind diese Kapitel sowohl sehr verwirrend als auch informativ. Äußerst angetan war ich bei der Erwähnung von Django Reinhardt. Vielen Musikliebhabern ist er noch heute ein Begriff. So viele Personen mit all den Namen, den weitreichenden und verschlungenen familiären Verbindungen, die man beim Lesen kaum auseinanderhalten kann. Zwischendrin hat dieses Buch auch einige Längen, so dass ich dachte "nicht noch einen anderen Zweig der Familie erwähnen". Manchmal war es etwas überfrachtet. Und trotzdem zog mich dieses Buch so sehr in seinen Bann, dass ich es zeitweise - insbesondere gegen Ende - nicht mehr aus der Hand legen konnte.

Liebe, Wut, Hass und Verrat sowie Gewalt und Erpressung ereigneten sich innerhalb der Mauern dieses Hauses!

Ein großes Lob an die Autorin Regina Scheer. Für dieses Buch muss sie eine intensive Recherche betrieben haben. Nur so ist es zu erklären, dass ihr mit diesem Roman eine überzeugende Verknüpfung von Zeitgeschichte und fiktiver Handlung gelang.

Ein Haus voller Geschichten

Von: Kirsten Wilczek Datum: 23. April 2019

Mag sein, dass Gott inzwischen im Wedding wohnt. Er stammt jedenfalls nicht von dort, wie Hanns Dieter Hüsch schon vor Jahrzehnten ausgeplaudert hat: "Sach ma nix, dass auch ich Niederrheiner bin, sonst blutet ja den anderen das Herz."
Nur, damit das Grundlegende vorab geklärt ist. Es hilft Niederrheiner zu sein, um den neuen Roman von Regina Scheer mit Genuss und Mehrwert zu lesen. Die hohe Kunst der Bildung niederrheinischer Assoziationsketten, das „Vom-Hölzchen-aufs-Stöckchen“-Prinzip, beherrscht die gebürtige Berlinerin, die 2014 mit ihrem Debütroman „Machandel“ auf sich aufmerksam machte, in so außergewöhnlicher, bemerkenswerter Weise, dass selbst mein Onkel Franz glatt vor Neid erblasst wäre. Dabei konnte der auch viele Geschichten über beinahe jeden erzählen. So, wie zum Beispiel über … Stopp! Das ist eine andere Geschichte. Mein innerfamiliäres Beispiel dient lediglich der Veranschaulichung des Erzählprinzips der Autorin, die ein über hundert Jahre altes Mietshaus als Füllhorn für Dutzende Geschichten ausgewählt hat. Berichtet wird über die Erbauung des Hauses, die Handwerker, die es errichtet haben, die Bewohner, die darin gute und schlechte Zeiten erlebt haben, insbesondere die Familien Romberg, Neumann und Fidler. Es ist eine wechselvolle Geschichte. Erst Nachbarn, dann im Tausendjährigen Reich auseinanderdividiert in Deutsche, Juden und Zigeuner, gehen sie ihrem Schicksal entgegen, manche fliehen, wenige entkommen. Wir erfahren vom Aufstieg und Fall der Familien, von Verfolgung, Leid, aber auch Zusammenhalt, Hoffnung und Neubeginn. Gleiches gilt für das Haus, das einst prachtvoll und komfortabel war, aber nun zum Spekulationsobjekt verkommt, entmietet werden soll und doch Auffangbecken für Chancensucher, Geflüchtete und Gefangene am unteren Rand der Gesellschaft ist. Es weiß, dass seine Tage gezählt sind. Es erzählt und unkt selbst. Ein Haus als Erzähler? Warum nicht, wenn gleich ich die Idee bei Madeleine Prahs in ihrem Roman „Die Letzten“ origineller umgesetzt fand.
Anrührend gelingt Regina Scheer die Geschichte der alten Gertrud Romberg, die beinahe so alt wie das Haus ist, und die dort ihr ganzes Leben lang gewohnt hat. Nicht so stark, wenn auch eindrücklich, erzählt sie von Leo Lehmann, der als Jude in Berlin das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg überlebt hat, um dann in Israel eine neue Heimat zu finden. Er kehrt als über Neunzigjähriger zurück und geht auf Spurensuche. Irritiert ist er über die jungen Juden, die in Berlin leben wollen, und die, die es bereits tun. Er erkennt, dass es inzwischen ein anderes Berlin ist, aber die Erinnerung legt sich immer wieder wie ein Konversionsfilter über die neuen Farbbilder. Und da ist Laila, eine Sintiza, die sich in ihrem Leben ohne besondere Rücksichtnahme auf ihre Herkunft eingerichtet hatte, aber nun doch ihre Wurzeln spürt und mit ihnen wächst.
Es gibt eine karge Rahmenhandlung, die konstruiert ist, aber vor lauter Miniaturen nicht als konstruiert wahrgenommen wird. Dass Laila ausgerechnet in das Haus zieht, in dem ihre Familie vor der Verfolgung gewohnt hat, dass Leo Lehmann und Getrud Romberg noch leben, nicht der Demenz verfallen sind, um vielleicht noch eine alte Schuld zu klären, nun, das ist schon arg ausgedacht, aber schafft einen Spannungsbogen, der einen über die rd. 400 Seiten bei Leselaune hält.
Wenn man Regina Scheer etwas vorwerfen will, dann vielleicht, dass sie arg viel gewollt hat, nämlich Sensibilität für die viele Probleme schaffen: Immobilienspekulanten, Gentrifizierung, Armut, Migrationsprobleme, die Verbürokratisierung und Rationierung von Hilfsbereitschaft. Und wenn man ihr etwas zugutehalten will, dann ist es das Wissen, das sie großzügig an ihre Leser verschenkt. Am Ende weiß man mehr.
Wer die gewählte „niederrheinische Erzählweise“ (siehe oben) mag, unterwegs etwas lernen will, und nicht den Pageturner mit Sogwirkung sucht, der könnte hier durchaus richtig sein.

Toller Roman, der eine Brücke zwischen den Generationen schlägt

Von: Jennifer Datum: 23. April 2019

Der eindeutige Titelheld des Romans ist eindeutig das Haus. In diesem Haus wird geboren, gelebt, gestritten, gestorben! Mit Präzision und eindrucksvollen Bildern berichtet die Autorin von einem Berlin vor Jahrzehnten und in der Gegenwart. Spannend lässt sie Menschen darin wohnen, die vieles trennt, wie die Nationalität, die Lebensträume, der materielle Besitz, die aber auch vieles verbindet: Zuneigung, Hilfsbereitschaft, auch in schwierigen Zeiten. Der Autorin gelingt es dabei, nicht nur den Bogen zu schlagen zwischen verschiedenen Jahrzehnten, zwischen verschiedensten Menschen, sondern auch zwischen den Generationen, wenn etwa der Großvater mit der Enkelin nach Berlin reist und die Vergangenheit wieder auferstehen lässt. Ein spannendes aber auch lehrreiches Buch, das viele Entbehrungen beschreibt - ob Verrat im Dritten Reich oder Armut von Flüchtlingen, aber auch sehr lebendig die Charaktere beschreibt. Ein Buch über Menschen, dabei sehr menschlich, obwohl eigentlich ein Haus der Erzähler ist! Absolut lesenswert, wenn auch nicht als leichte Strandlektüre geeignet. Dieses Buch wird noch lange nachhallen.

Ein berührender Roman

Von: Margit W. Datum: 23. April 2019

Als ich den Klappentext las, erwartete ich ein anstrengendes und schwer zu verarbeitendes Buch. Als ich es dann las, wollte ich es nicht mehr weglegen.
Erzählt wird immer wieder aus der Perspektive eines Hauses im Wedding. Dies ist eine ungewöhnliche Sichtweise, die in diesem Roman jedoch absolut Sinn macht. Denn anhand dessen, was dieses "weise alte" Haus in diesen mehr als 100 Jahren "gesehen" hat, lässt sich ein Stück (nicht nur) deutscher Geschichte erzählen.
Geschickt werden darin die Einzelschicksale vieler Menschen erzählt, deren Leben miteinander verwoben ist und war, und gleichzeitig die Situation ganzer Gruppen und Gesellschaftsschichten. Regina Scheer erzählt voller menschlicher Wärme und gleichzeitig mit viel Sachwissen, voller Empathie mit Blick für das Kleine, aber auch immer im Hinblick auf das Große und Umfassende. Sie thematisiert die Verfolgung der Juden, das Schicksal der Sinti und Roma, die Schrecken der jüngeren Geschichte, aber sie erzählt nicht mit erhobenem Zeigefinger oder falschem Pathos.
Das ganze Leben - komprimiert in einem Mietshaus in einem Stadtteil unserer Hauptstadt.
Man muss weder ein Faible für Geschichte haben noch für Berlin, dieser Roman steht für so viel mehr. Das Buch weist manchmal Passagen auf, die aufgrund der komplexen Lebensgeschichten nicht ganz einfach zu lesen sind (wobei einem das Personenregister am Ende des Buches helfen kann). Die Art jedoch, wie die Autorin aus dem Leben verschiedenster Menschen erzählt, wie sie die Verstrickungen der Lebensstränge entwirrt und aus all diesen Geschichten ein Plädoyer für Menschlichkeit macht, geht nahe und macht eventuelle Längen bei Weitem wett.

Viele Geschichten und ein sprechendes Haus: Regina Scheers neuer Roman

Von: cascarax Datum: 22. April 2019

Regina Scheer gelingt in ihrem neuen Roman "Gott wohnt im Wedding" (2019) etwas Großartiges: Sie erzählt die Geschichte eines Hauses. Es ist aber nicht nur dessen Geschichte, es sind viele Geschichten von Menschen, deren Lebenswege sich mit diesem Haus im Wedding verbinden. Da ist der hochbetagte Holocaust-Überlebende Leo Lehmann, der von Israel nach Berlin kommt, um sich um die Rückübertragung des enteigneten Besitzes seiner verstorbenen Frau zu kümmern. Seine Verfolgungsgeschichte strukturiert die gesamte Romanhandlung. Leos Erinnerungen an das Haus in der Utrechter Straße sind zwiespältig. Hatte er doch dort zusammen mit seinem Freund Manfred Neumann Zuflucht vor der Gestapo gefunden. Sie waren verraten worden. Manfred hatte den Verrat nicht überlebt und war im Polizeigefängnis in der Schulstraße umgebracht worden. Ein Verlust, den nicht nur Leo, sondern auch Manfreds Geliebte Gertrud Romberg, aktuell die letzte Bewohnerin des Hauses aus NS-Zeiten, nie überwunden hat. Doch welche Rolle nahm sie damals ein? War sie die Verräterin?

Die Zeit ist nicht stehengeblieben. Der Wedding hat sein Gesicht von Grund auf verändert. Viele Migranten mit unterschiedlichen Herkunftsgeschichten finden dort heute Zuflucht. Mit den Sinti und Roma nimmt die Autorin eine Verfolgtengruppe in den Blick, die bereits in der NS-Zeit Opfer der herrschenden Macht war. Auch im heutigen Deutschland müssen Sinti und Roma um Anerkennung, Gleichberechtigung und angemessene Wahrnehmung ringen. Die Sintiza und Mittvierzigerin Laila steht für dieses Hin- und Hergerissensein zwischen der (in ihrem Fall polnischen) Heimat, dem neuen Leben in Berlin in dem alten Haus in der Utrechter Straße und der ständigen Unsicherheit, die sich sinnfällig an einer Demonstration von Sinti und Roma am Porajmos-Denkmal am Reichstag zeigt.

Schlüssig trotz (fast zu) vieler Themen

Regina Scheer hat eine ruhige, unaufgeregte, intelligente Art zu erzählen. Ihr gelingt der Spagat, Geschichte und Gegenwart in einer glaubwürdigen Geschichte zusammenzubringen. Mich hat sie sofort in ihren Bann gezogen, ich habe den Roman verschlungen. Dabei geht sie souverän mit der Historie wie mit der aktuellen Migrationsthematik um. Auch die Gentrifizierung, die ihre Krakenarme immer mehr Richtung Berliner Norden schlingt ("Die Mitte der Stadt breitet sich aus."), kommt nicht zu kurz. Als Wedding-Randbewohner fand ich die Orts- und Detailkenntnis der Autorin absolut faszinierend, das fordert zu einem Kiezspaziergang zwischen Leopoldplatz und Schillerpark mit ihrem Roman in der Hand auf. Manchmal wirken ihre Erklärungen sehr für den Leser konzipiert und so geraten manche Dialoge etwas hölzern. Wenn sich beispielsweise Laila von der jungen, hochschwangeren Roma Suzana zwischen zwei Wehen Details zur europäischen Krankenversicherungsbescheinigung erläutern lässt. Darüber liest man locker weg.

Der Roman enthält neben den spannenden, glaubwürdigen Geschichten so vieles mehr: Warum die Utrechter Straße früher einmal anders hieß? Was es mit dem schützenden Medusenhaupt am Eingangsportal des alten Hauses auf sich hat? Wie das John-Lennon-Gymnasium zu seinem weltweit einmaligen Namen kam? Und noch dazu führt er eine neue Stimme in die Literatur ein, die Stimme des Hauses selbst. Als Mittler zwischen den Zeiten und bedroht durch die Mitte-Gentry bildet es die Konstante zwischen drei Jahrhunderten und besitzt ebenfalls einen Verfolgtenstatus. Dessen Ende ist abzusehen.

Fazit: ein toller Roman, souverän komponiert, spannend geschrieben. Pflichtlektüre nicht nur für Wedding-Fans!

Ein ambitionioertes Vorhaben - weitgehend gelungen

Von: Elke Heid-Paulus Datum: 22. April 2019

Regina Scheer ist nicht nur Fachfrau für deutsch-jüdische Geschichte sondern hat sich auch intensiv mit der Historie Berlins beschäftigt. Und aus diesem Wissen speist sich ihr zweiter Roman „Gott wohnt im Wedding“.

Der Wedding, schon immer ein Arbeiterbezirk, Heimat der kleinen Leute, multi-kulturell. Leben, Träume und Schicksale, die untrennbar miteinander über die Jahre verbunden sind.

Davon kann auch das Mietshaus in der Utrechter Straße ein Lied singen, dem Scheer in ihrem Roman eine Stimme gibt. Es ist aber nicht nur dessen wechselhafte Geschichte. Diese bildet lediglich den Rahmen. Es sind dessen Bewohner, gegenwärtige und ehemalige, die zu Wort kommen und den Leser an ihre Leben und ihren Erinnerungen teilhaben lassen. Und deren Wege sich immer wieder kreuzen.

Leo Lehmann, nach 70 Jahren mit seiner Enkelin aus Israel angereist. Gertrud Romberg, alt und krank, die schon immer dort gewohnt hat, Leo von früher kennt und auf die Hilfe von Laila Fiedler angewiesen ist, die nicht weiß, dass auch ihre Familie vor Jahrzehnten in diesem Haus gelebt hat. Individuelles Leben, dessen Gegenwart und Vergangenheit exemplarisch für Kapitel der deutschen Geschichte steht.

Scheers Roman zeichnet die gründliche Recherche aus (speziell zur Geschichte der Sinti und Roma) und hält sich nicht mit überflüssigen Sentimentalitäten auf. Aber sie widmet sich nicht nur historischen Fakten sondern möchte den Leser auch für aktuelle Themen wie Migration, Gentrifizierung und Verdrängung sensibilisieren.

Ein ambitioniertes Vorhaben, das weitgehend gelungen ist, aber durch die Themenvielfalt stellenweise etwas überfrachtet wirkt. Und auf die Zwischenkapitel aus der Sicht des Hauses hätte man auch verzichten können. Auch wenn durch diese Perspektive Distanz zu den individuellen Schicksalen geschaffen werden sollte, wirkten manche dieser „Kommentare“ doch sehr nichtssagend und schlussendlich damit überflüssig.

Ein Haus erzählt

Von: Lesereise Datum: 20. April 2019

R.Scheer schafft es in einem Roman , die Geschichte eines Hauses über einen Zeitraum von ca. 65 Jahren zu erzählen. Es erschreckt, dass die Probleme des Nationalsozialismus und die Probleme von heute einige Parallelen haben.
Die Hauptpersonen Leo und Gertrud haben eine Geschichte, deren Lösung erst zum Ende des Buches aufgelöst wird.
Ich finde das Buch lesenswert, da es wieder aufzeigt, dass es wichtig ist, die Zeitzeugen ihre Geschichte erzählen zu lassen und diese möglichst auch nieder zu schreiben.

Verwirrend aber gut

Von: marienkäfer14 Datum: 19. April 2019

Das Buch handelt von mehreren Personen und einem Haus. Um es kurz und knapp auf den Punkt zu bringen.
Es geht um Leo Lehmann der nach Jahrzehnten wieder nach Berlin kommt, seine Enkelin die ihn begleiten soll. Auch geht es um Gertrud die schon seit ihrer Geburt in dem Haus im Wedding wohnt. Und Laila, die einen Blumenladen in Berlin hat und eine von Gertruds vielen Nachbarn ist.
Alles ist miteinander verworren und verbunden, und viele der Charaktere wissen dies anfangs nicht. Zeitsprünge lassen den Leser in die verschiedenen Jahrzehnte blicken. Und auch das Haus erzählt, davon wie es gebaut wurde, von den Bewohnern und der jetzigen Lage.

***
Man braucht etwas um reinzukommen, die vielen verschiedenen Erzähler machen es etwas schwer dem roten Faden zu folgen, aber wenn man den nicht verliert ist das Buch packend. Regina Scheer schreibt sehr ausschmückend, was toll zum lesen ist denn man kann sich alles haargenau vorstellen. Durch die verschiedenen Erzähler, einschließlich des Hauses, wird alles von vielen Seiten beleuchtet und man hat so eine Rundumsicht der Dinge.
Ich selbst habe mir sehr schwer getan mich mit dieser Thematik, Judenverfolung/Hitlerzeit/Krieg, auseinanderzusetzen aber nach diesem Werk werde ich wohl öfter zu solchen Büchern greifen.

Mosaik der Erinnerung

Von: Frank Heckert Datum: 18. April 2019

Was in Büchern doch alles möglich ist! In diesem hier erzählt gleich zu Beginn (und in der Folge noch mehrfach) ein Haus aus seinem „Leben“, es stecken ja auch ohne Zweifel viele Erinnerungen zwischen vier (oder mehr) Wänden. Besagtes Haus steht im Berliner Wedding und ist sozusagen die Bühne für den neuen Roman von Regina Scheer, die schon vor fünf Jahren mit ihrem Debüt „Machandel“ Vergangenes (von den dreißiger Jahren über den Zweiten Weltkrieg bis zum Fall der Mauer und in die Jetztzeit) wieder lebendig werden ließ. „Gott wohnt im Wedding“ folgt demselben Muster: Verschiedene Lebensläufe kreuzen sich hier und ergeben schließlich ein funkelndes Mosaik, in dem sich Gestern und Heute spiegeln.

Regina Scheer weiß sehr genau, wie man ein gutes Buch „baut“. Sie erzählt detail- und kenntnisreich … schon nach wenigen Seiten hat man einiges dazugelernt. Oder wussten Sie, dass Kinos früher als Flohkisten bezeichnet wurden? Die Autorin kann da viele Überraschungen aus ihrer Schatztruhe ziehen und profiliert sich so gekonnt als Hüterin der Erinnerung und Anwältin der Heimatlosen. Die Reibung zwischen dem, was war, und dem, was ist, hält diesen Roman unter Strom und macht ihn zum sympathischen Pageturner, der gar nicht den Anspruch hat, mit ambitionierten Formulierungen zu glänzen. Stattdessen werfen sich hier die Protagonisten Leo Lehmann, Laila Fidler und Gertrud Romberg (um die wichtigsten zu nennen) verlässlich die Bälle zu und tragen so ihren Teil dazu bei, in die Geschichte Berlins einzutauchen, ohne die Gegenwart zu vergessen.

„Gott wohnt im Wedding“ ist ein Roman mit hohem Unterhaltungswert, den ich gerne gelesen habe und der übrigens sehr gut lektoriert ist. Einzig über die Bezeichnung „ein paar alte, verarbeitete Männer“ auf Seite 61 unten bin ich gestolpert … „verarbeitete“? Ansonsten aber kann ich das Buch nur jedem empfehlen, der gerne nicht nur nach vorn, sondern auch zurückblickt – und der spüren will, was es bedeutet, wenn man im Leben nach Halt sucht und zum Spielball von Veränderungen wird. Die Lektüre wird übrigens (wie schon bei „Machandel“) durch ein Register der wichtigsten Personen am Ende erleichtert. Es versteht sich von selbst, dass zu diesen „Personen“ auch das eingangs erwähnte Haus zählt.

Sehr gut

Von: Tanja MP Datum: 18. April 2019

Nostagie. Das ist das perfekte Wort, um meine Gefühle zu beschreiben, als ich am Ende dieses Buches kam. Regina Scheer erzählt in ,Gott wohnt in Wedding‘ Ereignisse auf eine einfache, aber gleichzeitig bedeutungsvolle Weise. Hier werden Altes und Neues in Betracht gezogen, dies in Verbindung mit vielen Erinnerungen an eine entfernte Vergangenheit, alles vermischt mit einem seltsamen Gefühl der Ablehnung und der Hoffnung, dass das Leben besser wird, nachdem uns unerwarteten Ereignissen überholt hatten.
  Dieses Buch ist ideal für diejenigen, die historische Romane mit einem Schuss Aktualität mögen und sich Berlin während der Jugend von Leo Lehmann gerne vorstellen können. Das Lesen dieses Buches ist sehr angenehm und meiner Meinung nach auch empfehlenswert.

Leider nicht meins

Von: GaBo1412 Datum: 17. April 2019

Der Klappentext hat Interessantes erahnen lassen in Bezug auf die Verbindung verschiedener Menschen mit einem Ort.
Das Lesen ist mir sehr schwer gefallen, da ich keine Verbindung zu den unterschiedlichen Charakteren aufbauen konnte. Diese wechseln oft und springen in der Zeit vom Deutschland zu Hitlers Zeiten und der jetzigen Zeit. Auch kommen mir die Familienkonstruktionen sehr überladen vor. Mir ist es nicht gelungen, mir während dem Lesen zu merken, wer zu wem gehört. Es sind viele "Fachbegriffe" verwendet worden, die mir ein flüssiges Lesen schwer gemacht haben. Ich empfand dies als eine Mischung zwischen Biografie und Fachbuch.
Leider ist dies nicht mein Thema und hat mich deshalb auch nicht sonderlich unterhalten.
Ich kann mir jedoch gut vorstellen, dass dies ein tolles Buch ist, für jemanden, der sich in sowas wiederfindet bzw an der Geschichte interessiert ist.

„Es wiederholt sich immer alles und doch ist es nicht dasselbe.“

Von: Barbara62 Datum: 17. April 2019

Ihr 2014 erschienenes Debüt "Machandel" habe ich erst kürzlich entdeckt und war absolut begeistert von dieser gelungenen Verknüpfung aus Zeitgeschichte und Romanhandlung. Genau dies gelingt Regina Scheer auch in ihrem neuen Buch "Gott wohnt im Wedding".

Im Personenregister, einem wegen der Vielzahl von Mitwirkenden hilfreichen Instrument, steht ein überraschender Protagonist ganz oben: ein Berliner Mietshaus in der Utrechter Straße im Wedding, erbaut um 1890 und nun Spekulationsobjekt und, „weil ich als Immobilie nicht mehr das Potential habe, den Mietwert zu erhöhen“, kurz vor dem Abbruch. Seine kursiv gedruckten Geschichten über seine Erbauer und Besitzer, die Mieter, die kamen und gingen, und sein Wissen darum, dass sich „alles wiederholt“, sind so spannend wie melancholisch, „jetzt, wo alles zu Ende geht“, und es „eine Ahnung von Endgültigkeit“ umweht.

„Wenn man lange genug wartet, kommen hier alle wieder vorbei“, so auch der Jude Leo Lehmann, der ab 1943 mit seinem Freund Manfred als „U-Boot“, Untergetauchter, lebte. Nun ist er mit seiner Enkelin Nira wegen Erbangelegenheiten aus Israel nach Berlin gekommen und ausgerechnet in einem Hotel im Wedding gelandet. Im alten Haus in der Utrechter Straße lebt noch immer Gertrud Romberg, die den beiden Jungen damals Unterschlupf gewährte. Manfred wurde in ihrer Wohnung verhaftet und Leo hat nie erfahren, welchen Anteil Gertrud daran hatte. Die alte Frau ist an die hundert Jahre alt, schon ihr Vater wurde in diesem Haus geboren. Sie hat Manfred nie vergessen, nie geheiratet und nie über das gesprochen, was damals passierte. Der Handlungsstrang um Leo und Gertrud, der wiederum viele Einzelschicksale umfasst, hat mir ausnehmend gut gefallen, besonders auch die Geschichte von Leos Frau Edith.

Ein weiterer Handlungsstrang umfasst das Schicksal der Sintiza Laila, die 1975 in Polen geboren wurde und als Spätaussiedlerin über Umwege 1991 nach Berlin kam. Sie hat studiert, lebt getrennt von ihrem Mann und hat einen Mietvertrag über drei Jahre, der demnächst ausläuft. Mit ihrem ausgeprägten Sozialbewusstsein kümmert sie sich um die alte Gertrud, um die vielen Roma-Familien aus Rumänien, die genauso wie Wanderarbeiter inzwischen im Haus leben. Ihre komplizierte, sehr ausführlich erzählte Familiengeschichte und die ihrer Schützlinge haben mich das ein oder andere Mal verwirrt, es war nicht leicht, Personen, Orte und Schicksale auseinanderzuhalten. Wichtiger ist aber ein großer Erkenntniszuwachs über die Geschichte und Tradition der sehr verschiedenen Roma-Gruppen, zu denen die Sinti als eine Untergruppe gehören, und über ihre fehlenden Perspektiven.

Man merkt dieser geglückten Verbindung von Geschichte und Gegenwart die umfängliche Recherchearbeit von Regina Scheer deutlich an. Dass sie darüber hinaus so viel Wärme für ihre Figuren aufbringt und auf Schwarz-Weiß-Zeichnung weitgehend verzichtet, macht den Roman für mich empfehlenswert.

Ich hatte das Glück, Regina Scheer am 10. April 2019 live bei einem Interview mit Lesung im Botnanger Buchladen in Stuttgart zu erleben. Wer die Gelegenheit dazu hat, sollte sie sich nicht entgehen lassen, denn die Autorin hat auch über den Roman hinaus viel zu erzählen.

Ein Haus, drei Leben, viele Geschichten

Von: Moiken Datum: 15. April 2019

'Gott wohnt im Wedding' ist eines dieser Bücher, die man viel häufiger lesen sollte und irgendwie immer übersieht. Es ist eine Geschichte über Träume, Niederlagen und Hoffnungen. Und wie das Leben nun einmal ist, geht nicht immer alles so, wie man es sich gewünscht hat.

Dieses Buch ist nicht für die schnelle, unterhaltsame Ablenkung zwischendurch. Es will in Ruhe gelesen und genossen werden. Dafür bietet es ein Auf und Ab der Gefühle. Die einfühlsam gewählten Worte der Autorin haben mich wirklich in die Geschichte eintauchen lassen. Ich bin verzweifelt, habe geweint und gelacht beim Lesen. Alles zusammen mit den Charakteren des Buches, die wirklich wunderbar sind, mit all ihren Schwächen und Fehlern.

Daneben ist das Buch für mich vor allem ein Weckruf. Es behandelt top aktuelle Themen, vor denen viel zu häufig die Augen verschlossen werden oder die nicht wahrgenommen werden, weil sie einen nicht direkt selbst betreffen. Regina Scheer versteht es dabei meisterlich Bilder zu zeichnen, die zeigen, dass das Leben nicht in Schwarz und Weiß zu trennen ist und die Grenze zwischen Die und Wir fließend ist. Mich hat die Geschichte in einigen Punkten auch regelrecht schockiert: ob sowas in Deutschland überhaupt noch möglich ist? Haben wir denn nichts aus der Geschichte gelernt? Auch darauf gibt das Buch eine leise Antwort: Sicher, aber wir lernen nie aus und es sollte nie zu spät sein Unrecht einzugestehen und zu ändern. Vor allem dürfen wir nicht vergessen.

Ich würde das Buch keiner Lesergruppe im Speziellen empfehlen, es ist eine Geschichte, die wir alle gelesen und überdacht haben sollten. Der unvoreingenommene Blick auf unsere Gesellschaft und den Umgang mit Mitmenschen, kann uns allen nur helfen selbst aufmerksamer zu werden und eines einzusehen:
Wir sind alle Menschen mit den selben Wünsche, Hoffnungen und Träumen, völlig ungeachtet unserer Herkunft.

Ein Buch mit Tiefgang

Von: Chris L. Datum: 15. April 2019

Gott wohnt im Wedding – Ein Buch, das mich bereist mit dem Titel schon gefesselt hat, denn als Berliner ist es immer wieder spannend und interessant Bücher über seine eigene Heimat zu lesen.

Was mich bereits zu Beginn des Lesens begeistert hat, war, dass neben der Erzählperspektive der Charaktere, Leo, Laila und Gertrud, auch aus der Sicht des Wohnhauses geschrieben wird. Das Mietshaus wird somit zum Leben erweckt. Gott wohnt im Wedding ist das erste Buch, das ich gelesen habe, welches sich dieses stilistischen Elements bedient. Einfach unfassbar fesselnd.
Ich selbst gehöre zur jüngeren Generation dieser Stadt und weiß aus eigenen Erfahrung nicht, wie es zur damaligen Zeit hier in Berlin war und wie es ausgesehen hat. Alles wurde in dem Buch aber so gut beschrieben, dass ich beim Lesen direkt ein Bild vor Augen hatte.

In diesem Buch vereinen sich so viele unterschiedliche Themen, sodass wirklich jeder, meiner Meinung nach, von diesem Buch gefesselt wird. Von der damaligen Zeit bis hin zur Gegenwart, den unterschiedlichen Personengruppen und Problemen der einzelnen Personen.

Man sollte aber von Anfang an mit dem Kopf voll beim Buch sein, da es relativ viele Charaktere gibt. Man kann recht schnell den Überblick verlieren. Ich lese gerne in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit, aber leider war dieses Buch keine Weglektüre. Hierfür sollte man sich definitiv am Abend in Ruhe auf einer gemütlichen Couch Zeit nehmen.

Im Fazit ist zu sagen, dass „Gott wohnt im Wedding“ ein fantastisches Buch ist. Man sollte zwar schon konzentriert dabei bleiben, aber jeder, der sich dahinterklemmt und sich zeit nimmt, der wird eine Buch lesen, welches ich zuvor noch nicht gelesen habe.

Ein Buch mit Tiefgang

Von: Halifax Datum: 15. April 2019

Die Idee der Geschichte fand ich sehr gut, endlich mal wieder ein Buch für mich. Nichts übertriebenes a la Hollywood, sondern eine Geschichte die das Leben schreibt. Interessant war „das Haus“ welches selbst erzählte was es über Jahrzehnte kommen u gehen sah. Eine tolle Geschichte die berührt. Ein Stern Abzug vergebe ich, weil es an manchen Stellen zu tief und eher sachlich in die Geschichte der Roma und Sinti ging. Was das Buch zwischenzeitlich wie ein Sachbuch und nicht mehr wie ein Roman erschienen lies. Auf jeden Fall muss man sich Zeit nehmen beim lesen, es ist kein Buch für schnell mal Nebenbei. Es regt zum nachdenken an.

Gott wohnt im Wedding

Von: Sulito Datum: 11. April 2019

Ich habe das Buch auch meinem Bruder zum Lesen gegeben. Auch er findet das man das Buch unbedingt lesen muss. Aufregend und spannend von Anfang bis Ende.

Den Wedding mit anderen Augen gesehen

Von: s.scheer Datum: 10. April 2019

Mich hat das Buch sehr interessiert, da ich als Berlinerin familiären Bezug in meiner Kindheit zum Wedding hatte und es damit ein "muß ich unbedingt lesen -Buch" für mich war.

Sehr überraschend fand ich dann die Kombination der Themen mit der Verknüpfung des geschichtlichen Aspekts.

Ich hatte diesen Bezirk betreffend fast eine andere Thematik erwartet und fand es aber auch sehr spannend mehr über Sinti und Roma zu erfahren, gerade auch im Bezug auf deren Vergangenheit. Alles erzählerisch gut dosiert in die Geschichten der Hauptpersonen integriert.

Das in Kombination mit der jüdischen Vergangenheit einiger Personen ist natürlich geschichtlich naheliegend aber dennoch neu .
Keine leichte und erwartete Kost ,die auch sehr viel Recherche und Mühe der Autorin erkennen lässt.
Es hat etwas gedauert, ehe ich in die Geschichten wirklich eintauchen konnte ,aber dann fand ich sie sehr bereichernd.

Es ist kein Buch, was man schnell weglesen kann und eines ,was nachhallt.

Den Überbau des erzählenden Hauses fand ich wunderbar ,es verleihte den Geschichten noch eine zusätzliche Perspektive

...und auch das Ende war sehr real.

Als Resümee sehe ich das Buch als zeitlosen Apell an die Menschlichkeit, das Kommen und Gehen verschiedener Menschen in einer großen Stadt ist etwas, was gerade den Zeitgeist unserer Lebenswirklichkeit erneut trifft und berührt.

Alte Denkmuster müssen durchbrochen werden

Von: Gudrun Datum: 08. April 2019

Gott wohnt in Wedding ist ein eher ungewöhnlicher Roman, der zum Nachdenken anregt und zeigt, daß der Mensch nicht sonderlich lernfähig ist und sich die Geschichte leider immer und immer wieder wiederholt. Nicht ganz einfach zu lesen ist er, dieser Roman, der zum Glück eine Auflistung der wichtigsten Personen im Anhang hat, weil man sonst als Leser leicht den Überblick verlieren könnte.

Aber nun zum Inhalt des Romans. Leo ist nach 70 Jahren aus Israel nach Deutschland zurückgekehrt. Und er ist, wie die anderen Protagonisten mit dem ärmlichen Stadtteil Wedding in Berlin verbunden. Das heruntergekommene Haus in der Utrechter Straße knüpft ein Band, das sie schicksalhaft miteinander verbindet. Ihn, der hier mit seiner gesamten Sinti –Familie lebte, die alte Gertrud die ihn und seinen Freund Manfred auf dem Dachboden versteckte und Nira, seine Enkelin, die von den Ereignissen in der Vergangenheit noch nicht s weiß.

Ein wunderbarer Roman, mit viel Tiefgang hat Regina Scheer hier geschaffen. Und obwohl er nicht einfach zu lesen ist, sicherlich nicht zum einfach so nebenher lesen gemacht ist, kann ich dieses wunderbare Buch das nicht nur Roman sondern zugleich auch zeigt, daß ein Umdenken stattfinden muss und ein Festhalten an alten Denkmustern nicht die Lösung ist.

Interessant

Von: drachenlady8 Datum: 07. April 2019

Auch wenn ich erst Schwierigkeiten hatte mich in due Geschichte einzufinden war es dennoch ein Erlebnis es zu lesen. Der Schreibstil ansich war sehr gut. Kann ich nur weiter empfehlen

Gott wohnt im Wedding

Von: J.R.C. Datum: 05. April 2019

Ein gutes Buch wenn man sich für Geschichte und andere Kulturen interessiert und evtl ein gewisses Fachwissen darüber hat.

Geschichte hautnah

Von: Claudi Datum: 04. April 2019

Dieses Buch hat mich schon beim Lesen des Klappentextes neugierig gemacht. Der Einstieg in die Geschichte fiel mir zuerst etwas schwer, da der Schreibstil nicht dem üblichen entspricht, aber wenn man den Überblick über die Personen und die Botschaft des Buches verstanden hat, ist es einfach ein rundum gelungenes Buch. Es geht mich zum Nachdenken an und wird mich sicherlich noch einige Tage begleiten. Ich kann es nur weiterempfehlen.

Damaliges Zeitgeschehen und gegenwärtige Ereignisse verknüpft

Von: Melanie E. Datum: 03. April 2019

"Gott wohnt im Wedding" verknüpft damaliges Zeitgeschehen mit der Gegenwart, was großartig inszeniert wurde, auch wenn ich mitunter ein klein wenig überfordert war, mit den ganzen Menschen, die ihren Auftritt im Roman haben. Hierzu befindet sich im hinteren Teil des Buches eine Auflistung über alle wichtigen Personen. Mit "Gott wohnt im Wedding" hat Regina Scheer sich mit der Geschichte der Juden und Sinti und Roma beschäftigt, wobei mir nicht bewusst war, das es so viele Gruppierungen diesbezüglich gibt, Scheinbar schert man alle über einen Kamm. Zumindest mir geht es so. Ich habe also einiges lernen können, da es gerade im Bezug der Geschichte der Sinti und Roma ein Thema ist, welches irreführend und sehr klischeebehaftet ist. Leicht zu lesen ist "Gott wohnt im Wedding" nicht, da sich die Leserschar Zeit nehmen muss, um wichtige Ereignisse innerhalb der Story zu verstehen, da es immer wieder neu miteinander verknüpft wird. Es ist definitiv kein Buch für zwischendurch.

Interessant ist, das das Mietshaus selbst, in dem diese vielen beschriebenen Menschen aufeinander treffen auch zu Wort kommt. Da das Haus schon in die Jahre gekommen ist, sind die Worte weise und beleben die Story ungemein, da es sich wie ein allwissender Erzähler verhält. Mir hat es sehr gefallen, da es doch ungewöhnlich ist und dennoch mitreißen konnte. Gerade diese kursiv geschriebenen Szenen geben Nachhaltigkeit. Ein in die Jahre gekommenes Haus hat vieles gesehen und gehört , was natürlich in Bezug auf die Protagonisten sehr viel Wert hat.

Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung an einen doch sehr außergewöhnlichen Roman, der aufzeigt, das sich in unseren Köpfen vieles ändern müsste und wir gerade im Vertreiben von Menschen nichts dazu gelernt haben. Das Ende des Romans hätte ich mir anders gewünscht, aber so wie es ist, ist es passend, wenn auch anders gewählt wurde, als von mir erhofft oder erwartet. Letztendlich ist "Gott wohnt im Wedding" hochkarätige Literatur, die konzentriert gelesen werden muss, damit das Verständnis für die teilhabenden Personen nicht verloren geht und auch Vertrauen geweckt wird.

Ein wirklich tolles Buch

Von: Bigi Datum: 03. April 2019

Die Geschichte um Leo, Gertrud und Laila ist packend und emotional geschrieben. Hier erfährt der Leser, oder die Leserin, viel über europäische Sinti und Roma. Ich habe bisher noch nie etwas darüber, in einem so interessanten Buch gelesen.
Besonders gefallen haben mir die Erinnerungen des Mietshauses in dem Gertrud seit ihrer Geburt wohnt. Leo und Laila haben natürlich auch einen Bezug zu diesem in Erinnerungen schwelgenden Mietshaus.
Die Beschreibung Berlins in der Gegenwart und Vergangenheit aus Leo´s Sicht hat mich sehr beeindruckt.
Ich kann nur schreiben ein schönes, interessantes und unterhaltsames Buch.

Gott wohnt im Wedding

Von: Melanie Datum: 28. März 2019

Ich habe mich gleich in der Geschichte hinein gezogen gefühlt.
Sehr interessant die Berliner Geschichte mit zu erleben.
Ich würde das Buch weiter empfehlen

Gott wohnt im Wedding

Von: A.Koch Datum: 26. März 2019

Tolles Buch...fesselnd von der ersten Minute an. Und sehr Informativ. Habe mich in meine Kindheit zurück versetzt gefühlt. Dieses Buch muss man gelesen haben.

Gott wohnt im Wedding

Von: Schuhbiene Datum: 24. März 2019

Tolles Buch... faszinierend und klar geschrieben.
So macht lesen Spass ...Deutsche Geschichte hautnah erleben....kann dieses Buch nur weiter empfehlen !!!!

Von: Katrin Lange Datum: 27. Februar 2019

Ein Buch, wie es im Buche steht:

- es bewegt

- es fesselt

- es informiert

- es beeindruckt

Kurz: Das Buch muss man gelesen haben!

Darum VOLLE 5 Punkte!

Regina Scheer: Gott wohnt in Wedding

Von: Petra Görtz Datum: 22. Februar 2019

Ich bin total begeistert und freue mich schon darauf das Buch empfehlen zu dürfen!

Eine so wunderbare und schreckliche und herzensbildende Geschichte!

Von: Marion Cloppenburg Datum: 30. Dezember 2018

Als Buchhändlerin wird man um dieses Jahreszeit mit vielen Neuerscheinungen des kommenden Halbjahres bedacht und hat nun die nicht immer einfache Aufgabe, sich einen raschen Überblick zu verschaffen und dann aus dem SUB die lohnenswert erscheinenden Titel vorzuziehen. Ich lese alles an, was so reinkommt, und kann es dann in der Regel zur Seite legen, bis alle Titel gesichtet sind. Bei zwei Titeln ist mir das dieses Mal nicht gelungen und einer davon, die erste Novität, die ich tatsächlich sofort und ganz lesen wollte, und das auch getan habe, ist "Gott wohnt im Wedding"!
Spoilern muss ich nicht. Wer dieses Buch zur Hand nimmt und zwei Seiten gelesen hat, ist "drin". Eine so wunderbare und schreckliche und herzensbildende Geschichte! Möge es die Bestsellerlisten stürmen!