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John Steinbeck

Der Winter unseres Missvergnügens

Roman

Die ultimative Abrechnung mit dem menschenverachtenden US-Kapitalismus

John Steinbecks letzter Roman ist ein bis heute gültiges Lehrstück über Geld und Moral: Sein Protagonist Ethan Hawley, Hätschelkind der Finanzaristokratie von Long Island, muss sich um materielle Dinge nicht sorgen – bis ihn die Pleite seines Vaters plötzlich zwingt, auf eigenen Beinen zu stehen. Um Frau und Kinder ernähren zu können, tritt er eine schlechtbezahlte Stelle als Verkäufer in einem Lebensmittelladen an. Rasch erkennt jedoch er, dass redliches Tagwerk einen Mann nicht weiterbringt. Unter dem Einfluss seiner Frau und dem seines Bankberaters entledigt er sich aller Menschlichkeit und steigt zum skrupellosen Geschäftsmann auf, der ohne Rücksicht auf andere nur den eigenen Vorteil sucht.

Das Buch spielt in Long Island, Vereinigte Staaten von Amerika

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Leserstimmen

Der Winter unseres Missvergnügens (Review)

Von: Arcadi Magazin Datum: 19. Dezember 2018

John Steinbeck ist in den USA ein wohlbekannter Name, denn immerhin gewann er als Autor 1962 den Nobelpreis für Literatur und gehörte im 20. Jahrhundert zu den erfolgreichsten Autoren. In seinem Werk „Der Winter unseres Missvergnügens“, das eine aufwendige Neuauflage des Manesse Verlages darstellt, nimmt uns der Autor mit auf eine Lehrreise über Geld und Moral.

Wie weit würdest du gehen?
Ethan Hawley, Mann aus einer ehemals angesehenen Familie aus Baytown, ist aufgrund seines Vaters verarmt und muss in einem Laden als Verkäufer arbeiten, der ihm früher sogar selbst gehört hatte. Da er seinen Familie mehr bieten möchte, überlegt er sich, wie er schnell an Geld kommen kann. Ethan ist ein innerlich getriebener Mann. Zwischen seiner Familie, er hat Frau und Kinder, seinem Chef, seinem Banker und einigen weiteren Charakteren ist er hin und her gerissen. Auf ihn wirken unterschiedliche Einflüsse und als die Freundin seiner Frau ihm offenbart, dass ein Kartensatz gezeigt habe, dass er in naher Zukunft zu Reichtum kommen würde, sind alle Dämme gebrochen und Ethan ist bereit, moralische Hemmungen abzulegen.

Fazit

Steinbeck hat eine durchweg unterhaltsame Geschichte geschaffen. Der Hauptcharakter Ethan ist eine äußerst sympathische Person, der man ihre unmoralischen Handlungen überhaupt nicht übel nehmen kann. Geschickt werden Handlungen zu gezeigt, dass sich die Konsequenzen erst später ergeben und auflösen. Man könnte sogar so weit gehen, dass hier ein ausufernder Kapitalismus kritisiert wird. Die Personen wurden durch das Geld allesamt verdorben, hinter ihren Masken verfolgen alle Personen ihre Ziele, auch wenn sie gute Miene zu bösem Spiel machen. Lesenswert!

Nun ward der Winter unseres Missvergnügens…

Von: Exlibris JMalula Datum: 17. Dezember 2018

Eine Kleinstadt auf Long Island zu Zeiten Eisenhowers. Dank des anhaltenden Wirtschaftsaufschwungs entwickelt sich im Schatten des Kalten Krieges der Kapitalismus, die Blüten der Wohlstandsgesellschaft sollen die Traumata der vergangenen Weltkriege vertreiben, das Streben nach Reichtum und Macht wird zur höchsten Tugend deklariert, der moralische und kulturelle Untergang in Kauf genommen.

Ethan Hawley, Spross einer der ältesten und angesehen Familien des Ortes, die jedoch durch Misswirtschaft und Fehlinvestitionen inzwischen verarmt ist, fristet sein Dasein als angestellter Verkäufer in einem Lebensmittelladen, dessen Besitzer zu allem Überdruss ein eingewanderter Italiener ist. Einzig das prächtige, alte Familienanwesen, das Haus seines Vaters und Großvaters, ist als Bastion vergangener Zeiten geblieben. Während sich Ethan mit dem „Alltag seines Missvergnügens“ abgefunden hat und ganz „alte Schule“ ethische Werte und Bildung hochhält, wird er von außen immer wieder und zunehmend dringlicher mit der Unansehnlichkeit seiner gegenwärtigen Existenz konfrontiert. Nicht zuletzt sind es seine Frau und die halbwüchsigen Kinder, die ihn drängen Moral und Anstand hintenanzustellen und unlautere Mittel in Kauf zu nehmen, um die Familie wieder zu Wohlstand und Ansehen zu führen. Das Netz der Versuchungen um Ethan verdichtet sich immer mehr und sein innerer Zwiespalt spitzt sich zu:

„Einmal angenommen, ich würde für eine begrenzte Zeit nicht nur einige wenige, sondern sämtliche Regeln abschaffen: Könnten sie dann nicht, sobald das Ziel erreicht war, allesamt wieder in Kraft treten? (...) Wurde eines der großen Vermögen, die wir bestaunen, je ohne Rücksichtlosigkeit erlangt? Mir fällt keines ein.“

„Der Winter unseres Missvergnügens“, veröffentlicht 1961, war das letzte Werk John Steinbecks und nicht zuletzt Anlass für die Verleihung des Literaturnobelpreises, den Steinbeck 1962 erhielt. Der Manesse-Verlag hat nun diesen lange in Vergessenheit geratenen Roman in einer Neuübersetzung und sehr ästhetischer Aufmachung wieder ans Licht geholt. Großartig dabei auch das Nachwort von Ingo Schulz, das insbesondere auf die zahlreichen literarischen Bezüge von der Bibel über Shakespeare bis Melville erhellend eingeht.

An diesem Werk zeigt sich, was große Literatur ausmacht – eine vorausschauende, klarsichtige Darstellung der Verhältnisse der Zeit, literarisch so umgesetzt, dass eine zeitlose Betrachtung ermöglicht wird. Und so scheint das Thema des Romans auch bei heutiger Lektüre aktueller den je.

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American Dream

Von: Frau Lehmann Datum: 12. Dezember 2018

Der amerikanische Traum von der Durchlässigkeit der Gesellschaft - vom Tellerwäscher zum Millionär. In diesem Roman zeigt John Steinbeck, welchen Preis man dafür zu zahlen hat und das von Durchlässigkeit kaum die Rede sein kann.
Ethan Allan Hawley, aus sehr gutem Hause stammend, hat sein komplettes Vermögen verloren und arbeitet nun als Angestellter im ursprünglich eigenen Laden. Erstaunlicherweise macht die Tatsache, dass seiner Familie früher ganze Viertel in der Stadt gehört haben, ihm weniger zu schaffen als seinem Umfeld. Durch den Wunsch seiner Frau nach Namen und Geld angetrieben, erwachen bei Hawley kriminelle Energien und Skrupellosigkeit. Von Denunziation über Betrug bis zu einem geplanten Banküberfall rutscht Hawley die moralische Stufenleiter herab, steigt im gesellschaftlichen Ansehen aber gleichzeitig auf. Dabei dürfen wir Leser an seinen Gedanken teilhaben, erkennen die Stolpersteine und die Veränderungen. Mit Hawley hat Steinbeck keinen Unsympathen geschaffen, sondern im Gegenteil einen liebevollen Ehemann und freundlichen Gesellen. Umso erschreckender ist sein Sinneswandel.
Im Nachwort dann stellt Ingo Schulze Vergleiche auf mit Shakespeares Macbeth, der diesen Wandel ja tatsächlich auch macht, aus ähnlichen Beweggründen und mit demselben Motor im Hintergrund. Eine Shakepeare-Adaption also? Ähnlich wie die West Side Story ins moderne Amerika verlegt (also das Steinbecksche moderne Amerika, Ersterscheinungsjahr war 1962, der Roman spielt in den 50igern). Eine geniale Umsetzung wäre Steinbeck da gelungen, denn der Roman zeigt kaum Alterserscheinungen und liest sich trotz aller Gesellschaftskritik wunderbar flüssig. Für mich ist das ja eine Art Markenzeichen Steinbecks, diese bleibende Lesbarkeit, die altersunberührten Themen, der scharfe Blick. Und gerade in Zeiten von "America first" ist der Roman eigentlich so aktuell wie zu seinen Entstehungszeiten, denn das, was ich als Hawleys moralischen Abstieg bezeichne, ist für Trump-Anhänger wohl nur normales Geschäftsgebaren.
Wieder einmal also ein durch und durch gelungener Band der Manesse Bibliothek.