Blick ins Buch

Jetzt bestellen:

Buch
eBook

€ 25,00 [DE] | CHF 35,90 [CH] | € 25,70 [A]

€ 19,99 [DE] | CHF 24,00 [CH]

John Steinbeck

Der Winter unseres Missvergnügens

Roman

Die ultimative Abrechnung mit dem menschenverachtenden US-Kapitalismus

John Steinbecks letzter Roman ist ein bis heute gültiges Lehrstück über Geld und Moral: Sein Protagonist Ethan Hawley, Hätschelkind der Finanzaristokratie von Long Island, muss sich um materielle Dinge nicht sorgen – bis ihn die Pleite seines Vaters plötzlich zwingt, auf eigenen Beinen zu stehen. Um Frau und Kinder ernähren zu können, tritt er eine schlechtbezahlte Stelle als Verkäufer in einem Lebensmittelladen an. Rasch erkennt jedoch er, dass redliches Tagwerk einen Mann nicht weiterbringt. Unter dem Einfluss seiner Frau und dem seines Bankberaters entledigt er sich aller Menschlichkeit und steigt zum skrupellosen Geschäftsmann auf, der ohne Rücksicht auf andere nur den eigenen Vorteil sucht.

Das Buch spielt in Long Island, Vereinigte Staaten von Amerika

Regelmäßig neue Buchtipps bekommen!

Leserstimmen

Der andere Steinbeck

Von: G.Siema Datum: 17. März 2019

„Der Winter unseres Missvergnügens“ ist John Steinbecks letzter Roman.
Die Familie von Ethan Hawley hatte einst großen Einfluss in einem kleinen (fiktiven) Städtchen, in der Nähe von New York. Nun aber arbeitet Ethan als Verkäufer in dem Laden, der einmal ihm selbst gehört hat. Er führt das Geschäft für den Italiener Marullo, als wäre es noch sein eigenes. Überhaupt lernen wir Ethan als loyalen, ehrlichen Geschäftsmann kennen. Zumindest spielt er diese Rolle für seine Mitmenschen. Er versorgt seine Familie, so gut er kann. Doch seine pubertierenden Kinder haben weitaus mehr Wünsche. Dass Ethan Hawley einen perfiden Plan ausheckt, auch bereit ist ihn durchzuführen, ahnt niemand. Im Gegenteil. Ethan ist ein Mann, dem man vertrauen kann und nicht einer, der verrät und sogar seinen besten Freund in den Tod treibt. Ethan hat alles im Griff. Jedoch kann niemand alles im Griff haben, auch Ethan Hawley nicht.
1962 erschien Steinbecks Roman in deutscher Übersetzung. Jetzt wurde der Roman neu übersetzt.
Dieses Buch liest man nicht einfach. Mit diesem Roman beschäftigt man sich. Nicht unbedingt ein typischer Steinbeck Roman. Jedoch, wie alle seine Bücher, klingt auch das noch nach.

Von Geld und Moral

Von: Bookmarked Datum: 03. März 2019

„The winter of our discontent“ erschien 1962 als Steinbecks letzter Roman und wurde in dieser schönen Manesse Ausgabe und einer Übersetzung von Bernhard Robben 2018 erneut auf den Markt gebracht. Durch den Verlag erhielt ich auf Anfrage ein kostenloses Rezensionsexemplar.

In diesem Buch begleiten wir den Familienvater Ethan Hawley, der als Kind reicher Eltern in Long Island aufwuchs und entsprechendes Ansehen genoss. Als sein Vater das gesamte Geld durch Kapitalanlagen verliert, sieht sich Ethan gezwungen eine eher schlecht bezahlte Stelle als Verkäufer in einem sizilianischen Supermarkt anzunehmen um seine Familie zu versorgen.

Obwohl er sich mit dieser Situation arrangiert gibt sich sein gesamtes Umfeld, und besonders seine Frau, mit dieser Bescheidenheit nicht so leicht zufrieden und drängt Ethan zu mehr Ehrgeiz und Geschäftssinn. Durch sein Umfeld legimitiert, lockern sich Ethans moralische Prinzipien allmählich und unaufhaltsam.

Mein Eindruck:
Ich hatte mir von diesem Buch eine bitterböse Kapitalismus-Kritik erhofft, die den Verfall der moralischen Ansprüche unseres Protagonisten schonungslos dokumentiert und die Gier im Angesicht des greifbaren Reichtums sowie Ethans wachsende Rücksichtslosigkeit zeigt.

Bekommen habe ich eine sehr schwerfällige Geschichte, in der auf den ersten 325 Seiten so gut wie nichts passiert. Zumindest wenn man von den immer wiederkehrenden, und in Anbetracht der Thematik erschreckend profanen, Gedanken des Protagonisten einmal absieht. Selbst für mich, die ich keinen spannenden Plot brauche, war das insgesamt zu wenig Handlung. Umso überraschender, dass sich die Ereignisse in der zweiten Hälfte des Buches nahezu überschlugen und alles in die Tat umgesetzt wurde, worüber Ethan zuvor nur nachdachte. Das führte zwar zu einer erträglichen zweiten Hälfte, gab dem Buch allerdings auch eine gewisse Unausgeglichenheit, die mich bis zuletzt störte. Mich wunderte die anfängliche Langatmigkeit des Romans schon deshalb, weil Steinbeck in seinem Roman „Von Mäusen und Menschen“ auf seinen wenigen Seiten eine äußerst vielschichtige Geschichte erzählt, bei der kein einziges Wort zu viel ist. Aufgrund dieses Kontrasts bin ich nun gespannt wie ich seine anderen Romane finde.

Dabei steht im Kern dieses Buches eine überaus interessante und fast schon philosophische Fragestellung: Kann ein Mensch zeitweise unmoralisch handeln um sich einen (finanziellen) Vorteil zu verschaffen und anschließend in sein normales, gutbürgerliches Leben zurückkehren ohne, dass es seinen Charakter auf Dauer negativ beeinflusst? Als Beispiel wird der Kriegsdienst genannt, denn obwohl man grundsätzlich nicht töten darf, greift dieses Gesetz für Soldaten im Krieg ganz offensichtlich nicht. Viele Soldaten kehren also faktisch als Mörder zurück, werden von der Gesellschaft und ihren Familien aber nicht als solche gesehen. Lässt sich diese Doppelmoral also auch auf andere Gebiete ausweiten? Bei dieser spannenden Frage hätte ich mir eine Umsetzung mit mehr Tiefgang und Komplexität gewünscht.

Das Buch enthält eine Vielzahl an Bezügen zu Herman Melvilles „Moby Dick“, „Macbeth“ von Shakespeare, die Artus Sage sowie die griechische Mythologie und bestimmte Bibelverse. Da ich mich mit all diesen Werken und Themen überhaupt nicht auskenne, konnte ich die entsprechenden Passagen im Buch leider nicht würdigen und erfuhr viele dieser Zusammenhänge erst durch das Nachwort sowie die Anmerkungen.

Fazit:
Ein Buch über Geld, Moral und Beeinflussung, das mich leider nicht begeistern konnte. Denn obwohl sich dieses Buch mit einer äußert interessanten Fragestellung beschäftigt, entstand daraus keine unterhaltsame Geschichte. Ich hoffe, dass mich die anderen Werke von John Steinbeck mehr begeistern können.

mehr Leserstimmen anzeigen

Ein Roman über Geld und andere Werte...

Von: ricysreadingcorner Datum: 17. Februar 2019

Nachdem mir “Of Mice and Men” letztes Jahr bereits so gut gefallen hat, habe ich mir vorgenommen, weitere Werke von John Steinbeck zu lesen.

Da sein eher weniger bekannter letzter Roman Der Winter unseres Missvergnügens neu, in einer schönen Ausgabe der Manesse-Bibliothek erschienen ist, habe ich dies als Anlass genommen, mich endlich einem weiteren Werk des Literaturnobelpreisträgers zu widmen.

Worum geht’s?

Ethan Hawley, stammt aus einer alten reichen Familie, die schon seit Generationen auf Long Island lebt und es zu viel Geld gebracht hat. Als Kind und Jugendlicher musste er sich somit nie viele Gedanken um finanzielle Themen machen: das alte Geld war da und neues floss durch die Walfängerei stetig nach. Doch nach der Pleite seines Vaters muss Ethan nun als Erwachsener auf eigenen Beinen stehen und bringt seine Familie eher schlecht als recht als angestellter Verkäufer in seinem damals eigenen Lebensmittelladen, der nun einem italienischen Einwanderer gehört, über die Runden. Während Ethan sich immer noch an das alte Ansehen seiner Familie klammert, scheinen seine Frau und Kinder zunehmend unzufrieden mit dem einfachen Lebensstil zu sein.

Ein Provisionsangebot eines Händlers hinter dem Rücken seines Chefs, der Vorschlag eines Bankiers, mit dem bescheidenen Erbe seiner Frau zu spekulieren und weitere moralisch immer verwerflichere Angebote und Ideen, fügen sich zusammen und keimen in Ethan. Es machen doch alle so, oder? Als dann eine vermeintliche Wahrsagerin seiner Frau prophezeit, dass ihr Mann zu viel Geld gelangen wird, bringt dies Ethans steinerne Moralvorstellungen ins Wanken und seine Veränderung ins Rollen.

Meine Meinung

Steinbeck hat mich erneut nicht enttäuscht. Sein letzter Roman ist eine Kritik an Amerikas immer weiter ausuferndem skrupellosen Kapitalismus.
Dieses kritische und ernste Thema ist auf literarisch komplexe Weise in eine unterhaltsame Geschichte verpackt, die die Veränderungen eines Familienvaters und die Beteiligung seines Umfeldes dargestellt.

“Geld ist nicht freundlich. Geld will keine Freunde, will nur mehr Geld.”
Der Winter unseres Missvergnügens, John Steinbeck (S. 52)

Ethan Hawley ist zu Beginn des Romans ein ehrbarer, freundlicher und beliebter, wenn auch armer Bürger und Familienvater. Ehrlichkeit, Bildung und Zusammenhalt sind Werte, die er in seinem Leben und vor allem in seiner Familie hochhält. Zwar in Reichtum aufgewachsen, hat er sich doch mittlerweile mit seiner verarmten Situation abgefunden.
Doch dann nimmt der Druck von außen immer mehr zu, von allen Seiten wird ihm klar gemacht, dass er es zu mehr bringen könnte. Gleichzeitig wird er belächelt für seine eisernen Moralvorstellungen. Als ihm dann auch noch seine Frau und seine Kinder deutlich machen, dass sie gerne mehr hätten, wieder mehr Ansehen in der Kleinstadt New Baytown genießen möchten, bringt das sein Weltbild ins Wanken. Denn Ansehen ist in diesen Zeiten nicht mehr nur durch eine ruhmreiche Familiengeschichte zu erlangen oder zu halten. Nein, im Kapitalismus heißt Ansehen einfach nur Geld! Je mehr, desto besser.

Der Roman zeigt am Beispiel des Protagonisten einen Werteverlust zugunsten des Kapitalismus und welche Bedeutung dies für den Einzelnen hat.
Ist ein gutes Leben gleichzusetzen mit einem Leben in finanziellem Reichtum? Gibt es so etwas wie genug Geld? Ist es in Ordnung, einmal etwas Schlechtes zu tun, um danach weiterhin ein gutes Leben zu führen? Und ist das möglich, wenn man einmal eine bestimmte Grenze überschritten hat?
Das sind einige Fragen, die dieser Roman aufwirft und mit denen sich der interessante Protagonist so einige schlaflose Nächte beschert.
Innerhalb kürzester Zeit wird Ethan Hawley von einem ehrlichen und mitfühlenden Menschen zu einem Egoisten, der nur nach seinem eigenen finanziellem Vorteil strebt. Und das nur, weil ihm eine Möglichkeit offenbart wird und ein gewisser Druck von außen dazukommt. Zunächst handelt er nur in der festen Absicht, mit der Hilfe anderer Personen im Ort seinen Kindern ein besseres Leben und eine ordentliche Bildung zu ermöglichen, doch schon bald erkennt er, dass er alleine deutlich mehr haben könnte.
Das klingt nun zunächst so, als sei Ethan Hawley ein abscheulicher Protagonist, doch dem ist nicht so. Er hasst sich für das, was er tut. Was er glaubt, tun zu müssen für ein besseres Leben. Und genau das ist der Trugschluss, dem meiner Meinung nach viele in unserer vom Kapitalismus geprägten Welt aufgesessen sind und den Steinbeck hier kritisiert.
Es ist nicht gut, seine Werte für einen anderen Wert (in diesem Fall finanziellen Reichtum) herzugeben. Denn abgesehen von der Frage, ob Geld überhaupt glücklich machen kann, ist es umso unwahrscheinlicher, dass es glücklich machen kann, wenn man seine Werte dafür geopfert hat. Wenn man dafür zu einem anderen Menschen werden musste, mit dem man eigentlich nicht leben kann. Aber die Welt ist halt, wie sie ist und es macht ja jeder so…
Dieser Irrtum fängt ja schon bei viel weniger drastischen Wertverlusten an: jemand, der für mehr Geld bis zum Umfallen in einem Job arbeitet, der ihn nicht ausfüllt, der dafür Zeit mit Familien und Freunden und sogar seine Gesundheit opfert, wird durch das Geld nicht unbedingt glücklicher werden.

“Geht ein Licht aus, ist die Dunkelheit vollkommen, weit dunkler, als wenn es nie gebrannt hätte. Die Welt ist voller dunkler Wracks.”
Der Winter unseres Missvergnügens, John Steinbeck (S. 559)

Im Falle unseres Protagonisten ist dies noch einmal auf die Spitze getrieben, da er nicht nur persönliche Werte opfert sondern geradezu skrupellos Menschen gegenüber handelt, die ihm wohlgesonnen sind und auch vor kriminellen Machenschften nicht zurückschreckt. Er wird also damit Leben müssen. Und dann bleibt noch die Frage: gibt es einen Weg zurück, wenn man einmal eine gewisse Grenze überschritten hat? Wenn man sich sowieso schon damit abgefunden hat, mit diesen Schuldgefühlen leben zu müssen, ist die Hemmschwelle, weitere Schuld auf sich zu laden, nicht immer kleiner? Ethan erkennt erst spät, das Ausmaß und die Bedeutung seiner Veränderung, was jedoch zu einem starken Ende führt…

Fazit

Die Kapitalismuskritik und den moralischen Verfall, die man an dieser Stelle noch viel weiter ausführen könnte, verpackt Steinbeck in dieser leicht und flüssig lesbaren und dennoch literarisch aufwendigen Geschichte um einen Familienvater im Amerika der beginnenden 1960er Jahre, die einem jedoch dieMöglichkeit lässt, sie stets auch in einem aktuellen Kontext zu betrachten.
Das interessante Nachwort von Ingo Schulze, das sich mit den zahlreichen literarischen Referenzen, den Inspirationen Steinbecks und dem zeitlichen Hintergrund beschäftigt, runden diese wunderbare kleine Ausgabe ab.

Absolute Leseempfehlung!

Der Winter unseres Missvergnügens (Review)

Von: Arcadi Magazin Datum: 19. Dezember 2018

John Steinbeck ist in den USA ein wohlbekannter Name, denn immerhin gewann er als Autor 1962 den Nobelpreis für Literatur und gehörte im 20. Jahrhundert zu den erfolgreichsten Autoren. In seinem Werk „Der Winter unseres Missvergnügens“, das eine aufwendige Neuauflage des Manesse Verlages darstellt, nimmt uns der Autor mit auf eine Lehrreise über Geld und Moral.

Wie weit würdest du gehen?
Ethan Hawley, Mann aus einer ehemals angesehenen Familie aus Baytown, ist aufgrund seines Vaters verarmt und muss in einem Laden als Verkäufer arbeiten, der ihm früher sogar selbst gehört hatte. Da er seinen Familie mehr bieten möchte, überlegt er sich, wie er schnell an Geld kommen kann. Ethan ist ein innerlich getriebener Mann. Zwischen seiner Familie, er hat Frau und Kinder, seinem Chef, seinem Banker und einigen weiteren Charakteren ist er hin und her gerissen. Auf ihn wirken unterschiedliche Einflüsse und als die Freundin seiner Frau ihm offenbart, dass ein Kartensatz gezeigt habe, dass er in naher Zukunft zu Reichtum kommen würde, sind alle Dämme gebrochen und Ethan ist bereit, moralische Hemmungen abzulegen.

Fazit

Steinbeck hat eine durchweg unterhaltsame Geschichte geschaffen. Der Hauptcharakter Ethan ist eine äußerst sympathische Person, der man ihre unmoralischen Handlungen überhaupt nicht übel nehmen kann. Geschickt werden Handlungen zu gezeigt, dass sich die Konsequenzen erst später ergeben und auflösen. Man könnte sogar so weit gehen, dass hier ein ausufernder Kapitalismus kritisiert wird. Die Personen wurden durch das Geld allesamt verdorben, hinter ihren Masken verfolgen alle Personen ihre Ziele, auch wenn sie gute Miene zu bösem Spiel machen. Lesenswert!

Nun ward der Winter unseres Missvergnügens…

Von: Exlibris JMalula Datum: 17. Dezember 2018

Eine Kleinstadt auf Long Island zu Zeiten Eisenhowers. Dank des anhaltenden Wirtschaftsaufschwungs entwickelt sich im Schatten des Kalten Krieges der Kapitalismus, die Blüten der Wohlstandsgesellschaft sollen die Traumata der vergangenen Weltkriege vertreiben, das Streben nach Reichtum und Macht wird zur höchsten Tugend deklariert, der moralische und kulturelle Untergang in Kauf genommen.

Ethan Hawley, Spross einer der ältesten und angesehen Familien des Ortes, die jedoch durch Misswirtschaft und Fehlinvestitionen inzwischen verarmt ist, fristet sein Dasein als angestellter Verkäufer in einem Lebensmittelladen, dessen Besitzer zu allem Überdruss ein eingewanderter Italiener ist. Einzig das prächtige, alte Familienanwesen, das Haus seines Vaters und Großvaters, ist als Bastion vergangener Zeiten geblieben. Während sich Ethan mit dem „Alltag seines Missvergnügens“ abgefunden hat und ganz „alte Schule“ ethische Werte und Bildung hochhält, wird er von außen immer wieder und zunehmend dringlicher mit der Unansehnlichkeit seiner gegenwärtigen Existenz konfrontiert. Nicht zuletzt sind es seine Frau und die halbwüchsigen Kinder, die ihn drängen Moral und Anstand hintenanzustellen und unlautere Mittel in Kauf zu nehmen, um die Familie wieder zu Wohlstand und Ansehen zu führen. Das Netz der Versuchungen um Ethan verdichtet sich immer mehr und sein innerer Zwiespalt spitzt sich zu:

„Einmal angenommen, ich würde für eine begrenzte Zeit nicht nur einige wenige, sondern sämtliche Regeln abschaffen: Könnten sie dann nicht, sobald das Ziel erreicht war, allesamt wieder in Kraft treten? (...) Wurde eines der großen Vermögen, die wir bestaunen, je ohne Rücksichtlosigkeit erlangt? Mir fällt keines ein.“

„Der Winter unseres Missvergnügens“, veröffentlicht 1961, war das letzte Werk John Steinbecks und nicht zuletzt Anlass für die Verleihung des Literaturnobelpreises, den Steinbeck 1962 erhielt. Der Manesse-Verlag hat nun diesen lange in Vergessenheit geratenen Roman in einer Neuübersetzung und sehr ästhetischer Aufmachung wieder ans Licht geholt. Großartig dabei auch das Nachwort von Ingo Schulz, das insbesondere auf die zahlreichen literarischen Bezüge von der Bibel über Shakespeare bis Melville erhellend eingeht.

An diesem Werk zeigt sich, was große Literatur ausmacht – eine vorausschauende, klarsichtige Darstellung der Verhältnisse der Zeit, literarisch so umgesetzt, dass eine zeitlose Betrachtung ermöglicht wird. Und so scheint das Thema des Romans auch bei heutiger Lektüre aktueller den je.

American Dream

Von: Frau Lehmann Datum: 12. Dezember 2018

Der amerikanische Traum von der Durchlässigkeit der Gesellschaft - vom Tellerwäscher zum Millionär. In diesem Roman zeigt John Steinbeck, welchen Preis man dafür zu zahlen hat und das von Durchlässigkeit kaum die Rede sein kann.
Ethan Allan Hawley, aus sehr gutem Hause stammend, hat sein komplettes Vermögen verloren und arbeitet nun als Angestellter im ursprünglich eigenen Laden. Erstaunlicherweise macht die Tatsache, dass seiner Familie früher ganze Viertel in der Stadt gehört haben, ihm weniger zu schaffen als seinem Umfeld. Durch den Wunsch seiner Frau nach Namen und Geld angetrieben, erwachen bei Hawley kriminelle Energien und Skrupellosigkeit. Von Denunziation über Betrug bis zu einem geplanten Banküberfall rutscht Hawley die moralische Stufenleiter herab, steigt im gesellschaftlichen Ansehen aber gleichzeitig auf. Dabei dürfen wir Leser an seinen Gedanken teilhaben, erkennen die Stolpersteine und die Veränderungen. Mit Hawley hat Steinbeck keinen Unsympathen geschaffen, sondern im Gegenteil einen liebevollen Ehemann und freundlichen Gesellen. Umso erschreckender ist sein Sinneswandel.
Im Nachwort dann stellt Ingo Schulze Vergleiche auf mit Shakespeares Macbeth, der diesen Wandel ja tatsächlich auch macht, aus ähnlichen Beweggründen und mit demselben Motor im Hintergrund. Eine Shakepeare-Adaption also? Ähnlich wie die West Side Story ins moderne Amerika verlegt (also das Steinbecksche moderne Amerika, Ersterscheinungsjahr war 1962, der Roman spielt in den 50igern). Eine geniale Umsetzung wäre Steinbeck da gelungen, denn der Roman zeigt kaum Alterserscheinungen und liest sich trotz aller Gesellschaftskritik wunderbar flüssig. Für mich ist das ja eine Art Markenzeichen Steinbecks, diese bleibende Lesbarkeit, die altersunberührten Themen, der scharfe Blick. Und gerade in Zeiten von "America first" ist der Roman eigentlich so aktuell wie zu seinen Entstehungszeiten, denn das, was ich als Hawleys moralischen Abstieg bezeichne, ist für Trump-Anhänger wohl nur normales Geschäftsgebaren.
Wieder einmal also ein durch und durch gelungener Band der Manesse Bibliothek.