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Christine Mangan

Nacht über Tanger

Wie viele Gesichter hat die Wahrheit?

Tanger 1956: Alice Shipley ist ihrem Mann John von England in das von politischen Unruhen aufgeheizte Marokko gefolgt. Doch die Hitze und die fremde Kultur machen es Alice schwer; während John sich immer mehr ins Nachtleben der pulsierenden Stadt stürzt und kaum mehr zu Hause ist, verkriecht sich Alice in der gemeinsamen Wohnung, gleitet in eine Depression. Da steht eines Tages Lucy Mason vor ihrer Tür, Alice' Zimmergenossin und Freundin aus Collegezeiten in Vermont, die sie seit einem mysteriösen Unfall ein Jahr zuvor nicht mehr gesehen hat.

Die unabhängige und furchtlose Lucy entdeckt Tanger schnell für sich und versucht Alice aus ihrer Isolation zu befreien. Doch Alice beschleicht bald das ihr nur allzu vertraute Gefühl, von Lucys Fürsorge kontrolliert und erstickt zu werden. Als John plötzlich verschwindet, wird Alice von dem Unfall in Vermont eingeholt und sie fängt an, an Lucys Vertrauenswürdigkeit und ihrem eigenen Verstand zu zweifeln ...

Ein vielschichtiger, spannender, psychologisch tiefgründiger Roman, erzählt aus zwei Ich-Perspektiven, die den Leser bestricken und verstricken in eine komplexe Freundschaft, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse, Normalität und Wahnsinn fließend sind.

Hintergründig und geheimnisvoll gelesen von Bibiana Beglau und Friederike Kempter

(8 CDs, Laufzeit: ca. 9h 54)

Das Buch spielt in Tanger, Marokko

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Leserstimmen

Hätten Sie es wirklich so gemacht, Herr Hitchcock?

Von: Ben Vart Datum: 30. Dezember 2018

Häufig verglichen Kritiker das Erstlingswerk von Christine Mangan mit einem Film von Alfred Hitchcock. Und hier liegt schon der erste Fehler. Denn Hitchcock ist ein Filmemacher und schrieb nie Romane. Er setzte sie nur immer optisch um. Insofern hinkt der Vergleich Mangan - Hitchcock nicht nur, er hat auch nur ein Bein.

Auch das, was mit diesem Vergleich angedeutet werden soll, nämlich dass Mangan in "Nacht über Tanger" Suspense erzeugt, Spannung aufbaut, Dramatik herstellt, vermag ich nicht zu teilen. Zu offensichtlich ist der Plotverlauf, zu schnell sind die Winkelzüge der Gegenspielerin vorhersehbar, zu einfach ist die Welt, die sich Christine Mangan zurecht gestrickt hat.

Okay, ich habe das Hörbuch gehört und grundsätzliche Schwierigkeiten mit den beiden Leserinnen. Wie im Buch, das mal aus der Perspektive der Alice, mal aus der von Lucy geschrieben ist - dramaturgisch zwar nicht neu, aber geschickt, denn so erlaubt der Wechsel der Perspektive dem Leser das zu erfahren, was der jeweilige Ich-Erzähler sieht, empfindet, erlebt - wird auch das Hörbuch von zwei Frauen gelesen: Frederike Kemper als Alice und Bibiana Beglau als Lucy. Beide eigentlich gestandenen Schauspielerinnen, aber hier meines Erachtens eine totale Fehlbesetzung. Während Frederike Kemper mit einer sehr hellen, fast piepsigen Stimme noch die zierliche, nahezu ätherische Lucy verkörpert und Bibiana Beglau mit ihrem Mezzo-Sopran die aktive, körperlich präsente, energische, aber auch skrupellose Alice auch bildlich im Kopf des Hörers präsentiert, gelingt es dagegen beiden nicht, den Figuren wirklichen Charakter einzuhauchen. So wird der Text einfach runter gelesen, es fehlen Betonungen, es fehlt die Dramatik, der die Stimme Bedeutung und Gewicht verleiht.

Bibiana Beglau hat zudem das Problem, dass sie zu oft die Stimme senkt, wo ein Komma steht und so den Eindruck vermittelt, sie habe den Text nie zuvor zu Gesicht bekommen und wisse auch nicht, dass die Stimme eines Vorlesers sich erst am Ende des Satzes, bei einem Punkt oder einem Semikolon, senkt. Dazu liest sie schleppend, dehnt die Endlaute eines Wortes (wo sich die braunschweiger Herkunft der Beglau nicht verleugnen lässt) und lässt Stellen des Buches, wo akustische Spannung, Dramatik, Mysterium angezeigt wären, in seichtem sprachlichem Geplätscher versinken.

Irgendwo las ich, Christine Mangan sei die Idee zu dem Buch nach einem Ferienaufenthalt in Tanger gekommen. So hört sich auch die Beschreibung der Stadt und des Landes an. Ohne Tiefe, dargestellt mit der oberflächlichen Einstellung, mit der viele Amerikaner der alten Welt begegnen.

Das Buch spielt 1956 auf dem Höhepunkt des marokkanischen Kampfes um Unabhängigkeit von der französischen Kolonialmacht. Die wenigen Ausflüge, die Christine Mangan in dieses Kapitel der Geschichte Marokkos macht, lesen sich wie schlecht abgeschrieben aus einem schlechten Geschichtsbuch. Sie lässt Youssip als einzigen Einheimischen beispielhaft eine größere Nebenrolle spielen. Und Youssip ist natürlich ein Gauner, ein Betrüger, ein Blender, ein Hochstapler, ein Touristenverführer. Sein Charakter ist damit negatives Vorbild für ein gesamtes Volk. Damit hat Mangan ihr vielleicht positives Vorhaben, mal über den Tellerrand der USA hinauszusehen, schon wieder zunichte gemacht. Allerdings hat sie mit ihrem französisch klingenden Namen den Vorteil, dass ihr der unerfahrene Leser abnimmt, ihr rudimentäres Halbwissen zu Land, Leuten und Geschichte habe scheinbar Hand und Fuß.

Insgesamt geht es um zerstörerische Liebe, Stalking, Intrige, Mord, Hinterhältigkeit vor der exotischen Kulisse Marokkos. Aber diese Kulisse ist beliebig. Es hätte ebenso Austin/Texas sein können. Das Mississippi-Delta und New Orleans. Oder irgendwo in Mexico. Oder die Niagara-Fälle. Selbst eine Ölbohrplattform gab schon einen glaubwürdigeren Hintergrund für Romane ab, als ausgerechnet das Tanger von Christine Mangan.

Getoppt wird alles von einer Übersetzung, die als grauenhaft zu bezeichnen wirklich noch geschmeichelt wäre. Davon abgesehen, dass Übersetzerin Irene Eisenhut offenbar jedes so genannte Redeverb mit übersetzt hat.

Redeverben sind Verben, die als Ergänzung nach einer direkten Rede folgen: sagte sie, erwiderte er, schrieen wir undsoweiter. Jeder Schreibratgeber rät davon ab, zu viele dieser Redeverben zu verwenden, dafür sollte der Autor lieber so schreiben, dass die wörtliche Rede erstens problemlos einem Protagonisten zuzuordnen ist und zweitens die Stimmung und Gemütslage deutlich wird. So erübrigt sich eine Ergänzung, die verdeutlich, dass der Sprechende "schrie", "weinte", "tobte".
Nicht so bei Christine Mangan. Sie treibt es auf die Spitze. Ebenso wie die Übersetzerin den sprachlich fragwürdigen Konjunktiv mit "würde" bis zum Exzess einsetzt.

Offenbar hat die Übersetzerin grundsätzliche grammatikalische Schwächen, weshalb sie sich dort, wo der Konjunktiv I (hauptsächlich verwendet für die indirekte Rede) notwendig wäre, in den "würde-Konjunktiv" rettet. Ein sprachlicher wie akustischer Gau, wenn dem Hörer immer wieder die "würde-Formen" in die Ohren gehaucht werden und es sich derart grottenfalsch anhört, dass er es jedesmal in Gedanken korrigiert.

Mit dem Cover zu Buch und Hörbuch nahmen die Kreativköpfe Anleihen an "Casablanca". Der Kultfilm mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann muss Pate gestanden haben, als das Titelbild ausgewählt wurde. Es zeigt das Top-Modell der 50er Suzy Parker aufgenommen von Georges Dambier in Marokko (das Originalfoto finden Sie unter diesem Link: https://www.pinterest.at/pin/399764904404788427/). Und Suzy Parker sieht auf dem Bild tatsächlich aus wie seinerzeit Ingrid Bergmann. Was also liegt näher, sich mit einem mittelmäßigen Roman an einen cineastischen Welterfolg anhängen zu wollen?

Besessenheit

Von: danielamariaursula Datum: 06. Dezember 2018

Dieser Roman spielt in den 50er Jahren. Er beginnt mit der Collegezeit von Alice Shipley und Lucy Mason, die das Schicksal als Zimmergenossinnen zusammen bringt. Alice ist seit ihrer Kindheit Vollwaise und bei ihrer begüterten Tante in England aufgewachsen. Sie selbst hat einen Fonds geerbt, auf den sie erst mit ihrem 21. Geburtstag zugreifen kann, bis dahin steht sie unter der Vormundschaft ihrer Tante. Lucy hingegen kommt aus der Nähe des Mädchen-College, sie hat ein Stipendium für Literatur und kommt aus einfachen Verhältnissen, auch ihrer Familie wäre gestorben sagt sie. Die Mädchen sind so unterschiedlich wie nur möglich, allerdings jede auf ihre Art sehr attraktiv. Sie werden beste Freundinnen, bis zu dem Tag, an dem Alice durch Zufall Tom, einen Sohn aus besten Kreisen, kennen und lieben lernt. Es kommt zu einem Bruch, der durch einen tödlichen Unfall noch verstärkt wird. Lucy verschwindet und taucht erst 1956 nach Alice Hochzeit in Tanger auf und verhält sich als wäre nichts geschehen. Die unsichere Alice, weiß nicht, wie sie mit der dominanten Lucy umgehen soll und wird immer mehr in einen sich scheinbar verselbstständigenden Strudel hineingezogen, der auf eine Katastrophe zusteuert, während Marokko die Unabhängigkeit ansteuert.

Der Klappentext hat mich auf Anhieb angesprochen, ich vermeinte die Hitze Marokkos, die würzige Luft, zu spüren und zu schmecken, während ich in einen Strudel der Ereignisse hereingezogen würde. Leider war das ein Irrtum, ich lauschte nicht gebannt, dabei bin ich durchaus nicht auf meine Erwartungen fixiert. Wird mir Hochspannung versprochen und es wird gut gemachte Cosy Crime präsentiert, bin ich noch durchaus zufrieden. Aber hier wurde ich mit den Charakteren nicht warm. Sie konnten weder meine Sympathie, noch meine Abneigung gewinnen. Sie waren mir beide zu apathisch/passiv bzw. zu extrem dominant/besessen. Mit diesen Persönlichkeitsstrukturen kann man auch nicht glücklich werden. Daher war für mich vieles vorhersehbar und die Entwicklung der politischen Lage in Tanger, von der ich ein Brodeln und eine zusätzliche Spannung erwartet habe, blieb für mich zu schematisch, faktisch präsentiert. Obwohl ich die Stimmen der Sprecherinnen Bibiana Beglau und Friederike Kempter mag und ich sie auch nicht als Fehlbesetzung wahrnahm, ließ mich ihr Schicksal kalt. Hätte ich das Hörbuch verloren und ich nicht weiter hören können, hätte es mich nicht weiter gestört. Das lag zum einen wohl daran, daß die Protagonistinnen für meinen Geschmack zu eindimensional waren. Alice ist ein Schaf und Lucy eine durchtriebene Manipulateurin und zum anderen die Sprecherinnen, trotz ihrer angenehmen Stimmen mich nicht emotional nicht packen konnten. Sie leierten ihre Texte nicht, sie betonten auch durchaus korrekt, waren klar verständlich und setzen die Pausen gekonnt, aber die Interpretation ließ die großen Emotionen vermissen, die durchaus hinter ihren Taten lauern müssen. Die Interpretation eines hypnotischen Dramas hätte mich mir nicht so nonchalant vorgestellt. Dass ich enttäuscht bin von diesem Hörbuch liegt somit sowohl am Text als auch an der Interpretation. Alice Ehemann John hätte als Gegenpart zu Lucy Feuer in die Geschichte bringen können, aber dafür war er sich seiner selbst und der Passivität seiner Frau zu sicher, als daß er für echte Highlights sorgte.
Selbst die wohl überraschend gedachten Wendungen konnten mich nicht überraschend und ich glaube auch nicht, daß dies nur meinem routinierten Krimileser-Ohr oder meiner juristisch geschulten Denkweise zuzuschreiben ist. Auf CD 7 fing es an mich zu interessieren, als Alice versuchte die Schachzüge von Lucy vorherzusehen und dagegen zu halten, aber sie ist halt zu viel Schaf, um nicht die Zweideutigkeit einiger Verhaltensweise mit einzuberechnen. So ebbte die aufkeimende Spannung recht schnell ab, da klar wurde, daß sie kein gleichwertiger Gegner für Lucy ist. Das Ende kam auch nicht mit dem erwarteten Knalleffekt und hätte meines Erachtens knapper auf den Punkt gebracht werden können. Insgesamt, hätte für mich die Geschichte gestrafft werden dürfen.
George Clooney scheint meine Meinung übrigens nicht zu teilen, denn er sicherte sich an diesem Erstlingswerk von Christine Mangan, daß sich in 20 Länder verkaufte, bereits die Filmrechte. Mit den richtigen Schauspielern und Kameraperspektive ließe sich auch sicher etwas machen. So wie mich Camus „Der Fremde“ dank des schneidigen, ausdrucksstarken Schauspielers, als Film deutlich mehr überzeugte, als das Buch mit seiner nervenaufreibenden Gleichgültigkeit.

Nicht schlecht, aber leider nur unteres Mittelmaß, somit 2,5 Sterne gerundet auf 3.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Random House Audio für dieses ersehnte Rezensionsexemplar.

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You must remember this ...

Von: Petras Bücher-Apotheke Datum: 24. November 2018

Jetzt mal ganz spontan, nein, nicht überlegen: Woran erinnert Euch dieses Cover? Na? Genau - ich habe auch sofort an die junge Ingrid Bergmann denken müssen und dann diesen Songtext dazu im Ohr gehabt ...

"You must remember this
A kiss is just a kiss
A sigh is just a sigh
The fundamental things apply
As time goes by" ....

... das und die legendäre Abschiedsszene mit Humphrey Bogart auf dem Rollfeld in Cassablanca vor Augen, den Satz "Spiel es noch einmal, Sam" im Kopf. Schwupp war die Entscheidung für dieses Hörbuch gefallen, die Notalgikerin in mir hatte gesiegt.

Ich war gespannt, kommt wir hören mal rein, es liest unter anderem Bibiana Beglau, Gewinnerin des Deutschen Hörbuchpreises als Beste Interpretin 2016:

Nacht über Tanger (Christine Mangan)

Eine Stadt wie ein Trugbild. Der spanische Sommerwind trug Wärme und Gewürzduft, der ihre Erinnerung an Tanger wachrief. Wie schnell doch die Zeit verging und einem das Gefühl gab, das das was man erlebt hatte, gar nicht real war, ein Traumbild. Flirrend wie eine Fata Morgana ...

Tanger, 1956. Mit noch nicht einmal einundzwanzig Jahre war Alice ihrem Mann hierher gefolgt, widerwillig, in diese heiße, staubige Stadt am Ende der Welt. Die Folgen seiner sorglosen Erklärung, er könne nicht wirklich mit Geld umgehen sollten ihr erst dann in aller Konsequenz bewußt werden, als er auch ihr Vermögen durchgebracht hatte.

Alice Shipley war auch geflohen, geflohen vor einem Leben mit einer Erinnerung, auf das sich jetzt endlich der Schleier des Vergessens gelegt hatte. Warum nicht hier neu anfangen? Fern ab von allem. In Afrika. Leider gelang es nicht nur finanziell nicht so wie sie es sich vorgenommen hatten, denn ihn ihrem Gepäck war ihr etwas gefolgt, dass die Ärzte leise und hinter vorgehaltener Hand "Wahnvorstellungen" nannten. Wie unsichtbare Fesseln ketteten sie Alice an's Haus und trieben gleichzeitig ihren Mann hinaus, so schien es ...

Und noch etwas, vielmehr jemand war Alice gefolgt. Lucy war über New York aus Vermont nach Tanger aufgebrochen, um sie zu suchen, ihre gemeinsame Vergangenheit und Alice Shipley. Mit Worten in unterschiedlichen Sprachen hatte sie sich bewaffnet um der Fremdheit Marrokos Herr zu werden. Vorübergehend würde sie diese Stadt als ihr zu Hause akzeptieren, alles hatte eben seinen Preis ...

Zimmergenossinnen waren sie am College gewesen, Alice finanziell gut versorgt, Lucy Mason hingegen wußte genau, was es bedeutete wenn man jeden Cent zweimal umdrehen musste und hatte nur mit einem Stipendium hier überhaupt Aufnahme finden können. Die beiden waren von Beginn an unzertrennlich gewesen obwohl, oder vielleicht auch weil beide so grundunterschiedlich waren, hatten sie sich gegenseitig angezogen.

Alice, die zarte, verletzliche, beinahe durchsichtige, ätherisch Schöne, schien aus Licht gemacht und Lucy, die burschikose, selbstbewußt Anpackende mit dem alles durchdringenden Blick, raffiniert, manipulativ, berechnend, schien aus den Schatten geboren zu sein ...

Christine Mangan, geboren 1982 legt mit Nacht über Tanger ihren ersten Roman vor. Die Rechte dafür wurden nach Verlagsangaben schon in 20 Länder verkauft und die Filmrechte an die Firma von George Clooney.

Man stößt hier auf zwei vielschichtige Frauenfiguren eingebettet in einen soliden, gut konstruierten Plot. Er kommt zunächst ganz harmlos daher, mit seiner nostalgischen Verpackung, und hat es dabei faustdick hinter den Ohren. Verfilmt kann ich sie mir sehr gut vorstellen diese Story, die Atmosphäre in Tanger kann man sicher auch mit Bildern sehr gut einfangen und die Geschichte gut besetzt auch in Bilder sehr schön erzählen. Das würde ich mir in jedem Fall anschauen, was Herr Clooney daraus macht.

Hier kann man über Souks bummeln, sich von einem Menschenstrom mitreissen lassen, von Hühnerkadavern bis hin zum exotischen Gewand alles in Ruhe bestaunen. Von tollwütigen Hunden kann man in Bars gebissen werden, von namenlosen Schatten verfolgt und in Revolutionswirren verstrickt werden. Tapetenwechsel mit Autounfall in einem Blizard gibt es inklusive.

Besonders gut gefallen hat mir, das Unterschwellige, das latent Lauernde und wie die Story so unweigerlich in eine Eskalation läuft, langsam aber unaufhaltsam. Der Schlüssel liegt wie so häufig für die Motivation der Handelnden in der Vergangenheit, auch das wird geschickt in rückwärts gerichteten Einsprenklern erzählt. Immer präsent ist dabei das, was sich für Frauen seinerzeit "geschickt" hat und was nicht. Was ihrer zugedachten Rolle entsprach, an der auch ein Studium nichts änderte, außer das man dann ein schmückenderes Beiwerk für den eigenen Mann war, zu wirklicher Unabhängigkeit verhalf es nicht. Wir, die wir heute einen Emanzipationsgrad erreicht haben, über den man zwar immer noch streiten kann, können feststellen auf welchem Niveau wir da anklagen. Ich gehe dabei mal von der westlichen Welt aus, nicht das ich hier gleich Prügel beziehe.

In dieser Geschichte halten diese und andere Abhängigkeiten eine Figur in einem Kreis gefangen, der sich von ihr allein nicht durchbrechen läßt. Sie gerät an einen Ehemann, der bei ihr jegliche Kreativität im Keim erstickt, sie betrügt und hintergeht. Was würde passieren, wenn sie ihn damit konfrontiert? Wie kann er sie gehen lassen, würde mit ihr ja auch quasi seine Geldquelle versiegen.

Sie gerät an eine Freundin, bei der sie nicht sicher sein kann, ob sie sie als Sprungbrett in eine andere Welt begreift, ob sie ein ehrliches, freundschaftliches Interesse oder gar eine obsessive Verliebtheit für sie empfindet. Ist diese Freundin aus Studientagen wirklich der ersehnte Retter in der Not? Was ist das für eine Freundin, die aus einem das noch so kleinste Geheimnis herauskitzelt und über sich selbst stets geschickt zu schweigen versteht? Eine Freundin, die auch von den Schatten weiß, der man anvertraut, welcher Angst und Panik man sich ausgesetzt sieht ...

Uns läßt die Autorin da gleich mit im Ungewissen bis beinahe zuletzt, in mir keimte derweil ein ungeheurer Verdacht. Dabei legt Mangan bereits im Prolog ganz schön vor und zieht eine Leiche aus dem Wasser. Damit läßt sie uns eigentlich schon erahnen, dass es in ihrer Geschichte nicht ganz so einvernehmlich zu gehen wird, weiß aber durchaus auch mit Wendungen zu bluffen.

Also ich, ich gebe mich jetzt auch mal besser geheimnisvoll und verrate nix mehr, für alle die diesen kurzweiligen Roman noch für sich entdecken wollen. Vielleicht dann aber lieber gelesen als gehört, denn -

Die Hörbuch-Fassung schlägt ungekürzt mit rund 10 Stunden zu Buche. Bibiana Beglau liest die die Figur der Lucy und Friedericke Kempter übernimmt den Part von Alice Shipley. Klingt nach einer Top Besetzung, die mich aber leider nur eingeschränkt überzeugen konnte. Viel erwartet hatte ich von Beglau, die aber hier so übertrieben deklamierend liest, dass sie mir komplett die Lust an diesen Stoff genommen hätte, wäre da nicht noch der charmante Vortrag von Kempter gewesen, der im Vergleich zu Beglau wohltuend anders daher kommt. Die junge Schauspielerin, die ich aus ihrer Rolle als Nadeshda Krusenstern aus dem Münteraner Tatort kenne, macht ihre Sache ausgezeichnet und verleiht der fast durchsichtigen, unsicheren Lucy eine mehr als glaubwürdige Stimme.

Ungemein gut inszenierte Geschichte

Von: Silke Schröder, hallo-buch.de Datum: 23. August 2018

Die Engländerin Alice Shipley und die Amerikanerin Lucy Mason teilten sich schon als Studentinnen in Neuengland ein Zimmer. Jetzt ist Alice ihrem Mann ins politisch unruhige Marokko des Jahres 1956 gefolgt. Doch Alice hat große Schwierigkeiten, sich an die Hitze und die Mentalität der Leute zu gewöhnen. Meist sitzt sie zu Hause, während John das Nachtleben genießt und sich an Alice’s großzügigem Rentenfond bedient. Als Lucy sich unerwartet zu Besuch bei ihrer alten Studienfreundin anmeldet, ist Alice ebenso erfreut wie erstaunt. Denn nach einem mysteriösen Unfall vor einem Jahr hatten die beiden keinen Kontakt mehr…

Es ist eine ebenso raffiniert-ausgeklügelte wie fiese Story, die Christine Mangan da in ihrem psychologisch fein gesponnenen Krimi “Nacht über Tangar” erzählt. Aus der Sicht der reichen Erbin Alice erleben wir ihre Version der Ereignisse, aus der Perspektive von Lucy die ihrige. Fanatische Liebe, Besitzansprüche, Raffgier, Eifersucht – in der schwül-heißen Atmosphäre der marokkanischen Hafenstadt Tangar kochen die Emotionen hoch. Angesiedelt hat Mangan ihre Story in den 1950er Jahren, einer Zeit, in dem die Menschen und die Mode freier wurden und Marokko seiner Unabhängigkeit entgegen strebte. Gekonnt fängt Mangan diese aufgeladene Stimmung in der pulsierenden Stadt ein und entrollt dort ihre spannende, ungemein gut inszenierte Geschichte. Patricia Highsmith wäre stolz auf sie gewesen. Hervorragend und sehr lebendig gelesen von Bibiana Beglau und Friederike Kempter.